Translation Project

The Right Scholarship Translation Project is a new initiative that arose from my recent research into German and Austrian Catholic political philosophy. While beginning my research in this field, which lies well outside the realm of my former academic specialty, I realized that I would have to learn German, since many of the texts I hoped to consult remain untranslated. Since then, I have worked diligently on German in my spare time, although I still have much to learn. I have decided to begin the work of translation despite the inadequacy of my language skills, in the hope that they will improve as I go along. And of course, there are plenty of imperfect but helpful translation aids that I can turn to when the going gets rough.

This page will document my work on translating a key text in the development of Catholic corporatism, Othmar Spann’s Der wahre Staat: Vorlesungen über Abbruch und Neubau der Gesellschaft (The True State: Lectures on the Destruction and Reconstruction of Society). I hope that I can eventually produce a rough or working translation of the original 1921 edition ([available in PDF form from archive.org]) in dual-language format (German and English) that will be of use to scholars or political thinkers seeking a general understanding of Spann’s ideas. At the very least, this project will provide a searchable and editable version of the German text. The only versions of the text that I have been able to locate are in Fraktur font, which was ubiquitous in German-language publications prior to 1941 but is difficult to read for the uninitiated and does not appear to be suited to the creation of editable PDFs.

If I have any readers with knowledge of German I welcome you to leave any corrections or suggestions as comments. If I incorporate your corrections or suggestions, I will include your name or alias in a list of those who helped bring this project to completion.

For now, I will post the translation in numbered paragraphs, German followed by English.

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Last update 22 May 2017

Der wahre Staat

Vorlesungen über Abbruch and Neubau der Gesellschaft
gehalten im Sommersemester 1920 an der Universität Wien
von Dr. Othmar Spann
o. ö. Professor der politischen Ökonomie und Gesellschaftslehre

The True State

Lectures on the Destruction and Reconstruction of Society
held in the Summer term of 1920 at the University of Vienna
by Dr. Othmar Spann
full professor of Political Economy and Social Science

Inhalt

Einleitung

Erster vorbereitender Teil

Erster Abschnitt: Das Wesen der Gesellschaft
Was ist Gesellschaft?
Die Gesellschaft als bloße Zusammensetzung / Die Gesellschaft als eigene Ganzheit.
Unterabschnitt: Der Individualismus
Der Begriff des Individuums
Der Mensch im Urzustande / Herakles, Donnar / Prometheus / Das Genie / Robinson / Der Einsiedler.
Der Begriff der Gesellschaft
Das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft
Die Arten des Individualismus
Der Anarchismus
Der Macchiavellismus
Das Naturrecht
Die politischen Grundsätze des Individualismus
Die Freiheit des Einzelnen
Das Mindestmaß der Staatsaufgaben
Das Recht als Mindestmaß an gegenseitiger Beschränkung der Freiheit
Rückblick
Die Anknüpfung des Individuums an das gesellschaftliche Ganze
Die Anknüpfung des Individuums an das Weltall
Unterabschnitt: Der Universalismus
Das Wesen des Universalismus
Die vier Hauptarten, den Begriff der Gesellschaften universalistisch zu denken
Die Umweltlehre oder Milieutheorie
Die Lehre von den gesellschaftlichen Trieben der Einzelnen
Die Gesellschaft, nach Art der platonischen Ideenlehre gedacht
Der kinetische Universalismus oder die Lehre von der innenkräftigen Ganzheit
Der Begriff des Ganzen im Sinne des kinetischen Universalismus
Beispiele: Der Künstler / Mutter und Kind / Schüler und Lehrer / Das Verhältnis zur Natur / Die zwei Seiten der Erkenntnis / Schrifttum / Beweis aus der Unmöglichkeit des Gegenteils / Stichworte.
Der Begriff des Einzelnen
Das Individuum ist seinem Wesen nach nicht selbst geschaffen / Die Einzigartigkeit oder Individualität.
Das Verhältnis des Einzelnen zum Ganzen
Die politischen Grundsätze des Universalismus, im Vergleich zum Individualismus betrachtet
A. Die Gerechtigkeit
B. Die Freiheit
Individualistisch gefaßt
Universalistisch gefaßt
C. Die Gleichheit
Als soziologischer Grundbegriff betrachtet
Als Baugesetz betrachtet
D. Die Brüderlichkeit
E. Das Höchstmaß der Staatsaufgaben
F. Vom Wesen des Rechtes
Der Individualismus, ein Grundirrtum
A. Zergliedernde Betrachtung
B. Innere Schwierigkeiten des Individualismus
C. Philosophischer Ausblick
Zweiter Abschnitt: Von der Gliederung der Gesellschaft in Teilinhalte
Wesen und Gliederung der Teilinhalte des gesellschaftlichen Ganzen
Die Wirtschaft / Hilfshandeln / Hilfshandeln höherer Ordnung.

Zweiter Prüfender Teil

Kritik des Zeitgeistes
Vom Werden und Wesen unseres Zeitgeistes
Der individualistische Ideenkreis und sein Kulturinhalt
Der universalistische Ideenkreis und sein Kulturinhalt
Der dritte Ideekreis, der Sozialismus und Verwandtes
Die Krisen unseres Zeitgeistes
I. Die staatenpolitische Krise / II. Die Krise des Kapitalismus / III. Die Krise des marxistischen Sozialismus.
Die Kritik des Liberalismus und der Demokratie
Verteidiger der Demokratie
Die wirtschaftliche Krise der Gegenwart oder die Krise des Kapitalismus
Der Marxismus. I. Darstellung des Marxismus als Wirtschaftstheorie, Geschichtsphilosophie und Staatslehre
A. Die Wirtschaftstheorie des Marxismus

  1. Gut, Reichtum, Museum
  2. Die Produktivitäts- und Erzeugungslehre. Mehrwert
  3. Gesetz der Konzentration des Kapitals, Verelendung, Krisen

B. Die materialistische Geschichtsauffassung

  1. Umweltlehre und Umwelt
  2. Klassenkampf, dialektische Methode

C. Die politische Theorie

  1. Das Wesen des Staates
  2. Die Natur des zukünftigen kommunistischen Gemeinwesens

Kritik des Marxismus

  1. Die Wirtschaftslehre
  2. Der geschichtliche Materialismus
  3. Die politische Theorie
  4. Soziologische Kritik: Bestandteile individualistischer Art / Universalistischer Art.
  5. Rückblick auf Marxens Lehre und Person

Zur Kritik der Vorstellung der Güterfülle in der kommunistischen Gesellschaft im Besonderen
Zusammenfassende Betrachtung der inneren Richtung und des politischen Ideengehaltes unseres Zeitalters

Dritter aufbauender Teil

Streitsätze
Die innere Gleichartigkeit der Gemeinschaft
Das aus Gleichartigkeit und Kleinheit der Gemeinschaften sich ergebende Schichtungsgesetz der Gesellschaft
Die Folgerungen aus dem Stufenbau der Gemeinschaften.
I. Die Vielartigkeit der Gemeinschaftskreise führt zur Ständischkeit der Gesellschaft

  1. Der Begriff des Standes
  2. Geistige und handelnde Stände

Die Folgerungen aus dem Stufenbau der Gemeinschaften.
II. Die politische Seite des Standes. Die beste Staatsform
Die Folgerungen aus dem Stufenbau der Gemeinschaften.
III. Ableitung der Stände
A. Die Gemeinschaft als Grundlage für die handelnden Stände / Systematische Tafel der Stände / Zusammenfassung / Verhältnis der obigen Einteilung zu Platon.
B. Die Einteilung der Stände nach der Eigenart des Mittels
Zusatz über die geistige Verfassung der heutigen Stände
Die Grundeigenschaften des Standes

  1. Die wirtschaftliche Grundeigenschaft “Stand” schließt notwendig eine Art Genossenschaftlichkeit in sich
  2. Der Stand umschließt Selbstbestimmung
  3. Der ständisch gegliederte Staat besteht wie der Organismus wieder aus Organismen
  4. Die Eingliederung des Einzelnen in seinen Stand bedeutet Aufgehobenheit statt Wettbewerbes
  5. Die Geistigkeit der ständischen Gesellschaft
  6. Freiheit und Gleichheit im ständischen Staate
  7. Stand bedingt nicht Zentralisierung, sondern Dezentratisierung. Die Beamtenverrichtung im ständischen Staate und die heutige Krisis des Beamtenstaates

Die Wechseldurchdringung der Stände. Stellvertretung
Die geschichtliche Bewährung der ständischen Auffassung der Gesellschaft
Die künftige Gestaltung der Stände. I. Die wirtschaftlichen Stände
A. Die Eigentumsordnung im ständischen Staate

  1. Es gibt formell Privateigentum, der Sache nach aber nur Gemeineigentum
  2. Das Privateigentum erlangt durch gemeinnützige Beeinflussung das innere Gepräge des Lebens
  3. Neben der Form des Privateigentums sind auch Formen des lehensmäßigen Eigentums unmittelbar auszubilden
  4. Neben der privaten und lehensrechtlichen Form des Eigentums ist auch für die Form des Gesamteigentums in einer ständischen Gesellschaft Raum

B. Die Berufsstände der Berufsgenossenschaften

  1. Der Gesamtarbeitsvertrag als Grundlage der berufsgenossenschaftlichen Bindung
  2. Weitere ständische Bindungen
  3. Die behördlichen Verrichtungen der ständischen Verbände
  4. Der Aufstieg der Arbeiterklasse
  5. Die ständische Ordnung der Landwirtschaft

C. Die ständischen Verbände außer den Berufsverbänden
D. Wie wird die Erstarrung der ständischen Ordnungen verhütet? Bemerkung über den Unterschied der ständischen von der sozialistischen Wirtschaftsordnung
E. Vom Unterschied zwischen ständischer, sozialistischer und kapitalistischer Ordnung
F. Übersicht über die Ständegliederung, die Eigentumsarten und die Betriebsarten
Schlußbemerkung über die Gerechtigkeit der ständischen Wirtschaftsordnung
Lehrgeschlichter Zusatz (Romantik, Gildensozialismus, Rathenau, Dreigliederungslehre)
Die künftige Gestaltung der Stände. II. Der politische Stand und der höchste geistige Stand
Die Erziehung
Zum Abschluß

Contents

Introduction

First part: preliminaries

First section: The nature of society
What is society?
Society as a mere composite / Society as a totality in itself.
Subsection: Individualism
The concept of the individual
The person in his primordial state / Heracles, Donner / Prometheus / The genius / Robinson Crusoe / The hermit.
The concept of society
The relationship of the singular person to society
Types of individualism
Anarchism
Machiavellianism
Natural Law
The political principles of individualism
The freedom of the singular person
The minimum functions of the state
Justice as the minimum mutual restriction of freedom
Review
The connection of the individual to the social whole
The connection of the individual to the universe
Subsection: Universalism
The nature of universalism
The four primary ways of conceptualizing universalistic societies
Environmental theory or milieu theory
The theory of the social instincts of the singular person
Society considered according to the Platonic theory of ideas
Kinetic universalism or the theory of the dynamic totality
The concept of the whole in the sense of kinetic universalism
Examples: The artist / Mother and child / Student and teacher / The relationship with nature / The two sides of perception / Literature / Proof of the impossibility of the contrary / Notes.
The concept of the singular person
The nature of the individual is not self-created / Singularity or individuality.
The relationship of the singular person to the totality
The political principles of universalism, considered in comparison to individualism
A. Justice
B. Freedom
Individualistically conceived
Universalistically conceived
C. Equality
Considered as a fundamental sociological concept
Considered as a structuring principle
D. Brotherhood
E. The maximum of state functions
F. Of the nature of right
Individualism: a fundamental error
A. Analytical dissection
B. Internal problems of individualism
C. Philosophical outlook
Second section
Of the arrangement of society into separate segments
Nature and arrangement of the separate segments of the social whole
The economy / State support / Higher-order state support

Second part: analysis

Critique of the Zeitgeist
On the nature and becoming of our Zeitgeist
The individualistic sphere of ideas and its cultural content
The universalistic sphere of ideas and its cultural content
The third circle of ideas: Socialism and its relatives
The crises of our Zeitgeist
I. The national-political crisis / II. The crisis of capitalism / III. The crisis of Marxist socialism.
The critique of liberalism and of democracy
Defenders of democracy
The current economic crisis, or the crisis of capitalism
Marxism. I. Outline of Marxism as economic theory, philosophy of history, and political theory
A. The economic theory of Marxism

  1. Goods, wealth, value
  2. The theory of productivity and manufacture. Surplus value
  3. Law of concentration of capital, impoverishment, crises

B. The materialistic conception of history

  1. Environmental theory and environment
  2. Class war, dialectical method

C. The political theory

  1. The nature of the state
  2. The nature of the future communist community

Critique of Marxism

  1. The economic theory
  2. Historical materialism
  3. The political theory
  4. Sociological critique: individualistic components / universalistic components
  5. Review of Marx’s teaching and character

To the critique of the idea of the abundance of goods in the communist society in particular
Summary consideration of the inner tendencies and political ideologies of our era

Third part: synthesis

Theses
The inner homogeneity of the community
That from the homogeneity and smallness of communities emerges the principle of social stratification
The consequences of the hierarchical ordering of communities.
I. The diversity of small communities leads to the corporative structuring of society

  1. The concept of the corporation
  2. Spiritual and actual corporations

The consequences of the hierarchical ordering of communities.
II. The political side of the corporation. The best form of government
The consequences of the hierarchical ordering of communities.
III. Differentiation of corporations
A. The community as foundation for the actual corporation / Systematic table of corporations / Summary / Relationship of the arrangement above to Plato
B. The arrangement of corporations after the character of the means
Supplement about the spiritual constitution of the corporations of today
The fundamental properties of the corporation

  1. The basic economic idea of a “corporation” necessarily implies a kind of cooperation
  2. The corporation implies self-determination
  3. The corporate-structured state is like an organism composed of organisms
  4. The incorporation of individuals into their corporate communities signifies sublation as opposed to competition
  5. The spirituality of the corporate society
  6. Freedom and equality in the corporate state
  7. Corporatism necessitates decentralization rather than centralization. The bureaucratic tasks in the corporate state and the current crisis of the bureaucratic state

The interpenetration of corporations. Representation
The historical testing of the corporatist conception of society
The future formation of corporations. I. The economic corporations
A. The system of ownership in the corporate state

  1. There is private property, formally speaking, but in substance there is only public property
  2. Private property obtains the inner character of life by serving the common good
  3. Cultivated directly alongside the forms of private property are forms of fief-like property
  4. In a corporate society, alongside the private and feudal forms of property there is also room for forms of joint ownership of property

B. The professional corporations

  1. The collective labour agreement as the foundation of the professional bond
  2. Additional corporate bonds
  3. The regulatory activity of corporate organizations
  4. The rise of the working class
  5. The corporate organization of agriculture

C. Corporate organizations other than professional associations
D. How will the stagnation of the corporate order be prevented? Comment on the difference between the corporate and socialist economic systems.
E. Of the difference between corporatist, socialist and capitalist systems
F. Overview of the corporate structure, the types of ownership, and the mode of operation
Closing comment on the justness of the corporate economic system
Historical supplement (Romanticism, guild socialism, <Walter> Rathenau, social threefolding theory)
The future formation of corporations. II. The political corporation and the highest spiritual corporation
Education
In conclusion

Einleitung

Introduction

[1]

In der Geschichte der Gesellschaftswissenschaften sind stets die kurzen Zeitspannen politischen und gesellschaftlichen Umsturzes die Stunden reichster Ernte, sie sind es, die die unmittelbarsten und lebendigsten Erkenntnisse vermitteln. Denn nun werden Kräfte los gebunden, die früher verborgen waren. Was geschlummert hatte und gleichsam nur im Stande der Möglichkeit war, wird nun zur Wirklichkeit aufgerufen, was wirklich war, muß abtreten aus dem Dasein. Uber damit ist es doch nicht eigentlich vernichtet im Plane des geschichtlichen Seins, sondern nur in den Stand des Möglichen, Schlummernden zurück versetzt, und ferne Zeiten werden wieder (in ihrer Weise) aus solchen jetzt verbannten Möglichkeiten schöpfen und alte Lebensformen zur Wirklichkeit erheben. Es ist klar, daß allein solche Zeiten des Kommens und Gehens, des Erblickens der alten wie der neuen Dinge, ihrer Oberfläche wie der Tiefe, aus der alles entsteigt, unsere Augen für das innere Wesen gesellschaftlicher Vorgänge öffnen, daß aber Zeiten des Stillstandes und des Gleichgewichtes unserem Blicke die Oberfläche als das allein Wirkliche vortäuschen und ihm die dunkleren Mächte und Leiden der Tiefe entziehen.

From the perspective of the social sciences, history’s brief periods of political and social upheaval provide the hours of richest harvest. They convey the most immediate and animated insights, for in such historical moments powers are unleashed that were previously concealed. What had slumbered and what was, so to speak, only in a state of potentiality, is now called into actuality; what was actual must surrender its existence. The latter, however, is not truly destroyed on the plane of historical existence, but is placed in a state of potentiality, or sent back to sleep, until in distant times this exiled potentiality is summoned in some manner and the old life-forms are raised into actuality. It is clear that only such periods of comings and goings, when we see both the old and the new things, both the surface and the depths from which all things rise, open our eyes to the inner nature of social-scientific processes. Periods of stillness and equilibrium show us only the surface as a false reality, removed from the darker powers and torments of the depths.

[2]

Es liegt nicht wenig daran, uns dies völlig klar zu machen. Ergeht es doch dem Menschen selbst nicht anders, der in diesen Dingen ganz das Ebenbild der Gesellschaft ist. Der gesunde Mensch kennt die Grundlagen seiner sinnlichen und seelischen Kräfte schlecht und hält für beständig, was nur auf allzu schwankem Boden gebaut ist. In der Krankheit dagegen tritt der Mensch aus seinem bisherigen Zustande heraus, erweitert und verändert den Kreis seiner Empfindungen und Erlebnisse. Die gesunden Zustände treten zurück, neue Gefühle, Schmerzen, Ahnungen, Freuden kommen hervor, neues Sinnen, neue Einsichten werden unser Gewinn. Wir treten vielleicht endgültig aus dem alten Empfindungskreise heraus und kehren in die spätere Gesundheit wie ein weit gewanderter und geläuterter Mensch zurück. So sind auch die Zeiten des Umsturzes stets Zeiten der Veränderung des herrschenden gesellschaftlichen Empfindungskreises, Zeiten neuer Weisen des menschlichen Zusammenlebens, die sich auf Mächte und Inhalte der menschlichen Seele gründen, welche anderen, früher gebannten, jetzt frei gewordenen Schichten der Gesellschaft angehören. Wenn das Fürstentum weicht und die unbeschränkte Demokratie ihren Einzug hält, dann wird sich unser Zusammenleben unendlich viel mehr auf dem Fuße der Gleichheit, statt auf dem der (früheren) Autoritäten und ihrer festen Ordnung abspielen; und durch die erhöhte Geltung der Empfindungen, Ansichten und Geschmacksrichtungen der großen Menge wird eine geistige Macht in Wirksamkeit gesetzt, die früher mehr gebunden war, die früher mehr als Stoff denn als Form, mehr hinnehmend denn führend lebte.

It does not take much to make this fully clear to us. People themselves are in this respect just like society at large. The healthy person takes the soundness of his sensory and psychological powers for granted, and considers permanent what is actually built on shaky ground. In sickness, however, he steps away from his normal condition and extends and alters the circle of his perceptions and experiences. The healthy condition recedes, and new feelings, pains, ideas, and joys come forth; new perceptions and insights are gained. He steps entirely away, perhaps, from the old circle of perception, and returns in later health like a chastened wanderer coming home. Likewise, times of social upheaval are always times of shifts in the prevailing social fields of perception. They are times of new social constructions, grounded in the powers and contents of the human soul, that incorporate the recently freed segments of society. If authority weakens and unrestricted democracy is allowed to take hold, then the social order will become vastly more egalitarian than that of the inflexible order of the old authorities. The masses, according to their newly-recognized perceptions, opinions, and tastes, will bring into effect a new spiritual power that was formerly more constrained, more of matter than of form, and more about putting up with life than directing it.

[3]

Wer dies überlegt, der erkennt, wie allein in Veränderungen, die aus den tiefsten Tiefen des Lebens stammen, der gesellschaftliche Organismus seine geheimsten Kammern öffnet, und begreift, was eingangs behauptet wurde, daß alle großen Erkenntnisse der Gesellschaftswissenschaften solchen Zeiten entstammen. Aristoteles und Platon, als sie die Lehre vom Staate auf den höchsten Gipfel führten, haben demokratische und aristokratische Umstürze in großer Zahl, ja selbst Bolschewiken-Revolutionen erlebt. Macchiavelli lebte in den Umsturzzeiten der Renaissance, Ricardo, Adam Müller, List haben die französische Revolution und die napoleonischen Kriege gesehen.

Whoever considers this recognizes that it is solely those transformations originating in the furthest depths of life that cause the social organism to open its most secret chambers, and comprehends what we initially asserted, which is that all great insights in the social sciences derive from such times. Aristotle and Plato, as they led political philosophy to its highest peaks, lived through a great number of democratic and aristocratic revolutions, including even Bolshevik revolutions. Machiavelli lived during the revolutionary times of the Renaissance, and [David] Ricardo, Adam Müller, and [Friedrich] List witnessed the French Revolution and the Napoleonic wars.

[4]

Auch wir sehen heute ein gewaltiges Stirb und Werde, und es gilt, die unsichtbaren Personen dieses Dramas, die wahre Innerlichkeit dieser Vorgänge zu erkennen — die wahr Innerlichkeit! Denn diese Erkenntnis muß am Beginne jeder fruchtbaren gesellschaftswissenschaftlichen Untersuchung stehen (und sie ist schon durch die obigen Betrachtungen begründet): daß es sich bei Revolutionen und gesellschaftlichem Neubau niemals um bloße Formveränderungen als solche, oder gar um Auswirkung von äußeren “Interessen”, um blind mechanische Vorgänge handelt, sondern stets um innere, seelische Mächte, um die Gültigkeit der ihnen heiligen Werte; alles, was in Geschichte und Gesellschaft geschieht, ist Geist von unserem Geiste, ist Leben von unserem eigenen, urinnersten Leben.

We see today, as well, a monumental phase of death and rebirth, and it is crucial to recognize the invisible personalities of this drama, and thus the true interiority of these processes — the true interiority! For the following idea must stand at the beginning every fruitful social-scientific analysis (and this is something we have already established): that revolutions that bring new social constructions are never truly about empty formal changes as such, or effects from external “interests”, or blind mechanical processes, but are always about inner spiritual powers and the rightness of sacred values. Everything that happens in history and society is driven by the spirit from our spirit, and the life from our own innermost life.

[5]

Das erste Zeil dieser Vorträge soll darum eine Kritik des Innerlichen unserer Zeit, des Zeitgeistes in dem doppelten Sinne sein, der dem Worte Kritik als einer Scheidung und einer Scheidekunst innewohnt: Erstens einer Scheidung der verschiedenen Wesenheiten und Mächte, die in unserer Zeit wirksam sind, und zwar sowohl im geschichtlichen (genetischen) wie in einteilend-unterscheidenden, d. h. systematischen Sinne; sodann zweitens eine Scheidung des Echten vom Unechten, des Hohen vom Niedrigen, d. h. eine richtende Kritik jener durch einteilende Scheidung gewonnenen Wesenheiten im Sinne der Prüfung ihrer Wahrheit, ihres Wertes. Sowohl die eine wie die andere Scheideweise enthält notwendig zugleich etwas Aufbauendes, Positives, da weder die genetische und einteilende Unterscheidung noch weniger aber die wertprüfende Sichtung ohne gleichzeitige Erkenntnis des Positiven und Wahren gelingen kann; dies führt uns zuletzt zu unserem zweiten Ziele, das Wahre und zu Erstrebende selbst zu erkennen.

The first goal of these lectures should therefore be an inner criticism of our time, of the “Zeitgeist,” in the double sense of the term “criticism” as a process of both differentiation and extraction: firstly, a distinguishing of the different entities and powers that operate in our time, both in the historical (genetic) and in the classifying-and-dividing, in other words systematic, sense; and secondly, an extraction of the real from the ephemeral, of the high from the low — that is to say a direct critique of these entities in the sense of a determination of their truth, their value. Both the one and the other manner of separation necessarily contain also the constructive and the positive, since neither the genetic and classifying separation but still less the valuing selection can succeed without simultaneous recognition of the positive and the true. This leads us finally to our second objective: to understand truth and aspiration themselves.

[6]

Bei der scheidenden Arbeit der ersten Art (der genetischen) gilt es, eine solche geschichtliche Ansicht der Dinge zu erreichen, die sowohl rückwärtsschauend erkennt, was in der gegenwärtigen Zeit in Wahrheit abstirbt, was in den Schlaf des Dornröschens, in den Stand des Gleichsam-Nichtseienden auf Jahrhunderte zurücktritt; wie auch im vorwärtsschauenden Sinne erkennt, was von dem Neuen, das die weltgeschichtliche Bühne betritt, ein Kommendes, aus den Lebenstiefen des neuen Werdens Stammendes ist, was als wahre geschichtliche Macht seine Laufbahn beginnt, seine Flügel aus der Puppenhülle entfaltet.

With the separating work of the first kind (the genetic) it is necessary to acquire a historical view of things that not only looks backward at what in the present time is dying away and will retire, for centuries, into the quasi-nonbeing of a Sleeping Beauty, but also looks forward to the new, at what is entering the world-historical stage from the innermost depths of a new becoming, beginning its career as true historical power, its wings unfolding from the puparium.

[7]

Mit einer solchen echt geschichtlichen Ansicht der Dinge würden wir uns das rechte Bewußtsein der weltgeschichtlichen Wendezeit, in der wir leben, erobern. Denn wir haben heute keine bloße Krise dieses oder jenes Landes, dieser oder jener politischen Parteien, dieses oder jenes politischen Grundsatzes, dieser oder jener Staatsform, dieser order jener Reformweise, überhaupt keine Teilkrise oder eine Summe davon vor uns, sondern eine Krise der allgemeinen Denkweise, Ideenrichtung, mit einem Worte, des ganzen Zeitgeistes. Es ist einer der Grundgedanken dieser Vorträge (der erst später bewiesen werden soll), daß wir es heute nicht bloß mit einer engeren politisch-wirtschaftlichen Krise, sondern mit einer vollkommenen Umkehr im geschichtlichen Zeitalter zu tun haben. Unsere Revolution gleicht auch nicht etwa der französischen Revolution; denn in dieser gelangte ein längst vorbereiteter geistiger Umschwung, eine längst herrschende Idee, der Individualismus, zum endlichen und vollkommenen politischen Durchbruche. Unsere Revolution und Zeitenwende dagegen bedeutet, daß eine alte Ideenrichtung, die an der Macht war — der Individualismus — verlassen wird, abstirbt und eine neue Denkweise anhebt, ein neuer Weg des Lebens gesucht wird. Aber noch kein ausgereifter Gedanke ist es, der heute seine Gestalt gewinnen will; sondern eine neue Idee will sich erst gebären, will sich selber erst gestalten. Daher darf man (später werden wir es genau begründen) unsere heutige Zeitwende zutreffend mit Renaissance und Humanismus vergleichen. Auch damals wurde eine gewaltsame Abkehr von einer alten Denk- und Ideenrichtung gesucht, eine Abkehr von dem christlichen Mittelalter, von der Philosophie und Lebensauffassung der Scholastik.

If we adopt a truly historical view of things we can seize the right awareness of the world-historical turning point in which we live. Today we face no mere crisis of this or that country, this or that political party, this or that policy, this or that form of government, or this or that manner of reform. We have no collection of such small crises before us, but instead a crisis of thought in general, in ways of thinking — in a word, the Zeitgeist. It is one of the key ideas of these lectures (to be proven later) that today we are facing not merely a narrow politico-economic crisis, but a complete historical reorientation. Our revolution does not resemble the French Revolution, in which the longstanding idea of individualism finally made its long-prepared political breakthrough. Our revolution and turning point instead signifies that the old way of thinking that was in power — individualism — is dying away, and that a new mentality is beginning, and a new way of life is being sought. However, the concept which today wants to acquire form is still not mature. It first wants to shape itself, and give birth to itself. That is why one may (and later we will establish it precisely) compare our present-day sea change with the Renaissance and humanism. Back then, a forceful break from an old way of thinking was sought, away from the Christian Middle Ages and the philosophy and conception of life of scholasticism.

[8]

Die Renaissance war die erste Abwendung von dem ständisch-scholastischen Kollektivismus und Hinwendung zum Individualismus auf der Grundlage der klassischen Bildung; die heutige Krise ist die Gegenrenaissance, die auf eine Abwendung vom Individualismus hinzielt, eine Umwendung des Weltgeistes, wenn diese Hegelsche Bezeichnung erlaubt ist.

The Renaissance was the first turning-away from corporate-scholastic collectivism, toward an individualism based upon a foundation of classical education; the current crisis is the anti-Renaissance, which aims at a turning-away from individualism, a reversal of the world-spirit, if this Hegelian expression is permitted.

[9]

Was wir bei dieser Betrachtung festhalten müssen, ist eine allgemeine Richtschnur für die Art, Geschichte zu treiben. Wir müssen erkennen, daß die Geschichte nicht als eine im Großen und Ganzen geradlinige Entwicklung nach aufwärts aufzufassen sei, wie uns die Darwinisten, Monisten und verwandte Richtungen glauben machen wollen. Mit diesem Standpunkte, den man uns von Kindheit an aufgedrängt hat, müssen wir gründlich brechen. Wir müssen die Geschichte stets als ein Absterbendes, Entwerdendes und als ein Werdendes, sich Erneuerndes zugleich betrachten; dabei aber nicht als eine Entwicklung geradeaus ins Unendliche und damit in das Nichts, sondern als ein wechselvolles Ringen um den höchsten Inhalt der menschlichen Lebensformen. Je ein Werden für einen Tod, eine Wahrheit für einen Irrtum, je eine neue Gestalt für einen verneinten Grundgehalt, wie umgekehrt. Es wäre ein grober Irrtum, wenn wir uns vorstellten, die Zeiten der Renaissance, der Aufklärung, des Kapitalismus seien solche, in der die Geschichte endgültige, absolute Schritte nach vorwärts getan hätte. Das ist eine so oberflächliche Ansicht, daß sie zum vollkommenen Nihilismus führt, indem sie nicht nur die früheren Zeitalter insgesamt als minderwertig verurteilt, sondern im selben Atemzug auch das eben vollkommenste Zeitalter an der Zukunft, die noch unendlich viel vollkommener sein wird, entwertet. Ranke, wie alle anderen wahrhaft großen Geschichtsforscher, hat dagegen jedem Zeitalter den ihm zugehörigen vollen Wert gegeben; er schließt seine Weltgeschichte mit folgenden Worten: “In unaufhörlicher, immer neue Schöpfungen hervorbringender Bewegung, und dennoch in allen Grundzügen sich selber treu, gleichsam in jedem Moment sein eigener Erbe, vollzieht sich so das welthistorische Geschick.” Ein solches aus der Vergangenheit und seinem eigenen Wesen Sich-Selbst-Heraus-holen, das ist die Geschichte; und es kommt uns darauf an, diesen wahren Anblick von dem, was unser Zeitalter tut, zu gewinnen.

We with this perspective must adhere to a general principle regarding how to approach history. We must recognize that history is not to be understood as a generally linear and upwards progression, as the Darwinian, monistic and related schools of thought would have us believe. We must make a radical break with this viewpoint, which has been forced on us all since childhood. We must always consider history as at once a dying or annihilation and a becoming or renewing. It is not a straightforward progression into the infinite and therefore into nothingness, but an eventful struggle for the highest content of human forms of life. For each becoming, a death; for each truth, a falsity; for each new form, a negated basic substance; and vice versa. It would be a gross error if we imagined the times of the Renaissance, the Enlightenment, or capitalism as ones in which history made definite, absolute steps forward. This view is so superficial that it leads to total nihilism, as it not only judges all past ages as inferior, but also, in the same breath, invalidates any idea of a perfected age of the future, which could always be infinitely more perfect. [Leopold von] Ranke, by contrast, like all other truly great historians, granted every age its full intrinsic value. He captures his idea of universal history in the following words: “In unceasing, ever-new creation and movement, but in all essentials true to itself and in every moment its own inheritor, in this way the world-historical destiny fulfills itself.” A self-extraction from both the past and its own essence, that is history; it is crucial for us to obtain this proper perspective on what happens in our age.

[10]

Bei dieser Auffassung wird auch die Gefahr vermieden, im Geschichtlichen stecken zu bleiben. Wir müssen außer jenem bloß geschichtlichen Anblick der Dinge, den man nicht unschicklich das zweite Gesicht genannt hat, auch das erste Gesicht selber erlangen, nämlich die Erkenntnis der Dinge und Wesenheiten, die im gegenwärtigen Zeitverlaufe im Spiele sind, die soziologische Analysis, in der wir uns über die Frage klar werden: welches innere Wesen kommt jenen Dingen und Potenzen zu, die als ein Neues ihre Stellung und Gestalt gewinnen?

With this concept we will also avoid the danger of remaining stuck in history. Apart from that merely historical view of things which is not unfittingly referred to as the second (retrospective) face, we must also acquire the first face, or the perception of things and beings which are in play in the passage of present time. The latter is sociological analysis, in which we answer the following question: what inner nature belongs to those happenings and potentialities that obtain their position and form as the “new”?

[. . .]