Der wahre Staat: Introduction

Einleitung

Introduction

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In der Geschichte der Gesellschaftswissenschaften sind stets die kurzen Zeitspannen politischen und gesellschaftlichen Umsturzes die Stunden reichster Ernte, sie sind es, die die unmittelbarsten und lebendigsten Erkenntnisse vermitteln. Denn nun werden Kräfte los gebunden, die früher verborgen waren. Was geschlummert hatte und gleichsam nur im Stande der Möglichkeit war, wird nun zur Wirklichkeit aufgerufen, was wirklich war, muß abtreten aus dem Dasein. Uber damit ist es doch nicht eigentlich vernichtet im Plane des geschichtlichen Seins, sondern nur in den Stand des Möglichen, Schlummernden zurück versetzt, und ferne Zeiten werden wieder (in ihrer Weise) aus solchen jetzt verbannten Möglichkeiten schöpfen und alte Lebensformen zur Wirklichkeit erheben. Es ist klar, daß allein solche Zeiten des Kommens und Gehens, des Erblickens der alten wie der neuen Dinge, ihrer Oberfläche wie der Tiefe, aus der alles entsteigt, unsere Augen für das innere Wesen gesellschaftlicher Vorgänge öffnen, daß aber Zeiten des Stillstandes und des Gleichgewichtes unserem Blicke die Oberfläche als das allein Wirkliche vortäuschen und ihm die dunkleren Mächte und Leiden der Tiefe entziehen.

From the perspective of the social sciences, history’s brief periods of political and social upheaval provide the hours of richest harvest. They convey the most immediate and animated insights, for in such historical moments powers are unleashed that were previously concealed. What had slumbered and what was, so to speak, only in a state of potentiality, is now called into actuality; what was actual must surrender its existence. The latter, however, is not truly destroyed on the plane of historical existence, but is placed in a state of potentiality, or sent back to sleep, until in distant times this exiled potentiality is summoned in some manner and the old life-forms are raised into actuality. It is clear that only such periods of comings and goings, when we see both the old and the new things, both the surface and the depths from which all things rise, open our eyes to the inner nature of social-scientific processes. Periods of stillness and equilibrium show us only the surface as a false reality, removed from the darker powers and torments of the depths.

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Es liegt nicht wenig daran, uns dies völlig klar zu machen. Ergeht es doch dem Menschen selbst nicht anders, der in diesen Dingen ganz das Ebenbild der Gesellschaft ist. Der gesunde Mensch kennt die Grundlagen seiner sinnlichen und seelischen Kräfte schlecht und hält für beständig, was nur auf allzu schwankem Boden gebaut ist. In der Krankheit dagegen tritt der Mensch aus seinem bisherigen Zustande heraus, erweitert und verändert den Kreis seiner Empfindungen und Erlebnisse. Die gesunden Zustände treten zurück, neue Gefühle, Schmerzen, Ahnungen, Freuden kommen hervor, neues Sinnen, neue Einsichten werden unser Gewinn. Wir treten vielleicht endgültig aus dem alten Empfindungskreise heraus und kehren in die spätere Gesundheit wie ein weit gewanderter und geläuterter Mensch zurück. So sind auch die Zeiten des Umsturzes stets Zeiten der Veränderung des herrschenden gesellschaftlichen Empfindungskreises, Zeiten neuer Weisen des menschlichen Zusammenlebens, die sich auf Mächte und Inhalte der menschlichen Seele gründen, welche anderen, früher gebannten, jetzt frei gewordenen Schichten der Gesellschaft angehören. Wenn das Fürstentum weicht und die unbeschränkte Demokratie ihren Einzug hält, dann wird sich unser Zusammenleben unendlich viel mehr auf dem Fuße der Gleichheit, statt auf dem der (früheren) Autoritäten und ihrer festen Ordnung abspielen; und durch die erhöhte Geltung der Empfindungen, Ansichten und Geschmacksrichtungen der großen Menge wird eine geistige Macht in Wirksamkeit gesetzt, die früher mehr gebunden war, die früher mehr als Stoff denn als Form, mehr hinnehmend denn führend lebte.

It does not take much to make this fully clear to us. People themselves are in this respect just like society at large. The healthy person takes the soundness of his sensory and psychological powers for granted, and considers permanent what is actually built on shaky ground. In sickness, however, he steps away from his normal condition and extends and alters the circle of his perceptions and experiences. The healthy condition recedes, and new feelings, pains, ideas, and joys come forth; new perceptions and insights are gained. He steps entirely away, perhaps, from the old circle of perception, and returns in later health like a chastened wanderer coming home. Likewise, times of social upheaval are always times of shifts in the prevailing social fields of perception. They are times of new social constructions, grounded in the powers and contents of the human soul, that incorporate the recently freed segments of society. If authority weakens and unrestricted democracy is allowed to take hold, then the social order will become vastly more egalitarian than that of the inflexible order of the old authorities. The masses, according to their newly-recognized perceptions, opinions, and tastes, will bring into effect a new spiritual power that was formerly more constrained, more of matter than of form, and more about putting up with life than directing it.

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Wer dies überlegt, der erkennt, wie allein in Veränderungen, die aus den tiefsten Tiefen des Lebens stammen, der gesellschaftliche Organismus seine geheimsten Kammern öffnet, und begreift, was eingangs behauptet wurde, daß alle großen Erkenntnisse der Gesellschaftswissenschaften solchen Zeiten entstammen. Aristoteles und Platon, als sie die Lehre vom Staate auf den höchsten Gipfel führten, haben demokratische und aristokratische Umstürze in großer Zahl, ja selbst Bolschewiken-Revolutionen erlebt. Macchiavelli lebte in den Umsturzzeiten der Renaissance, Ricardo, Adam Müller, List haben die französische Revolution und die napoleonischen Kriege gesehen.

Whoever considers this recognizes that it is solely those transformations originating in the furthest depths of life that cause the social organism to open its most secret chambers, and comprehends what we initially asserted, which is that all great insights in the social sciences derive from such times. Aristotle and Plato, as they led political philosophy to its highest peaks, lived through a great number of democratic and aristocratic revolutions, including even Bolshevik revolutions. Machiavelli lived during the revolutionary times of the Renaissance, and [David] Ricardo, Adam Müller, and [Friedrich] List witnessed the French Revolution and the Napoleonic wars.

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Auch wir sehen heute ein gewaltiges Stirb und Werde, und es gilt, die unsichtbaren Personen dieses Dramas, die wahre Innerlichkeit dieser Vorgänge zu erkennen — die wahr Innerlichkeit! Denn diese Erkenntnis muß am Beginne jeder fruchtbaren gesellschaftswissenschaftlichen Untersuchung stehen (und sie ist schon durch die obigen Betrachtungen begründet): daß es sich bei Revolutionen und gesellschaftlichem Neubau niemals um bloße Formveränderungen als solche, oder gar um Auswirkung von äußeren “Interessen”, um blind mechanische Vorgänge handelt, sondern stets um innere, seelische Mächte, um die Gültigkeit der ihnen heiligen Werte; alles, was in Geschichte und Gesellschaft geschieht, ist Geist von unserem Geiste, ist Leben von unserem eigenen, urinnersten Leben.

We see today, as well, a monumental phase of death and rebirth, and it is crucial to recognize the invisible personalities of this drama, and thus the true interiority of these processes — the true interiority! For the following idea must stand at the beginning every fruitful social-scientific analysis (and this is something we have already established): that revolutions that bring new social constructions are never truly about empty formal changes as such, or effects from external “interests”, or blind mechanical processes, but are always about inner spiritual powers and the rightness of sacred values. Everything that happens in history and society is driven by the spirit from our spirit, and the life from our own innermost life.

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Das erste Zeil dieser Vorträge soll darum eine Kritik des Innerlichen unserer Zeit, des Zeitgeistes in dem doppelten Sinne sein, der dem Worte Kritik als einer Scheidung und einer Scheidekunst innewohnt: Erstens einer Scheidung der verschiedenen Wesenheiten und Mächte, die in unserer Zeit wirksam sind, und zwar sowohl im geschichtlichen (genetischen) wie in einteilend-unterscheidenden, d. h. systematischen Sinne; sodann zweitens eine Scheidung des Echten vom Unechten, des Hohen vom Niedrigen, d. h. eine richtende Kritik jener durch einteilende Scheidung gewonnenen Wesenheiten im Sinne der Prüfung ihrer Wahrheit, ihres Wertes. Sowohl die eine wie die andere Scheideweise enthält notwendig zugleich etwas Aufbauendes, Positives, da weder die genetische und einteilende Unterscheidung noch weniger aber die wertprüfende Sichtung ohne gleichzeitige Erkenntnis des Positiven und Wahren gelingen kann; dies führt uns zuletzt zu unserem zweiten Ziele, das Wahre und zu Erstrebende selbst zu erkennen.

The first goal of these lectures should therefore be an inner criticism of our time, of the “Zeitgeist,” in the double sense of the term “criticism” as a process of both differentiation and extraction: firstly, a distinguishing of the different entities and powers that operate in our time, both in the historical (genetic) and in the classifying-and-dividing, in other words systematic, sense; and secondly, an extraction of the real from the ephemeral, of the high from the low — that is to say a direct critique of these entities in the sense of a determination of their truth, their value. Both the one and the other manner of separation necessarily contain also the constructive and the positive, since neither the genetic and classifying separation but still less the valuing selection can succeed without simultaneous recognition of the positive and the true. This leads us finally to our second objective: to understand truth and aspiration themselves.

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Bei der scheidenden Arbeit der ersten Art (der genetischen) gilt es, eine solche geschichtliche Ansicht der Dinge zu erreichen, die sowohl rückwärtsschauend erkennt, was in der gegenwärtigen Zeit in Wahrheit abstirbt, was in den Schlaf des Dornröschens, in den Stand des Gleichsam-Nichtseienden auf Jahrhunderte zurücktritt; wie auch im vorwärtsschauenden Sinne erkennt, was von dem Neuen, das die weltgeschichtliche Bühne betritt, ein Kommendes, aus den Lebenstiefen des neuen Werdens Stammendes ist, was als wahre geschichtliche Macht seine Laufbahn beginnt, seine Flügel aus der Puppenhülle entfaltet.

With the separating work of the first kind (the genetic) it is necessary to acquire a historical view of things that not only looks backward at what in the present time is dying away and will retire, for centuries, into the quasi-nonbeing of a Sleeping Beauty, but also looks forward to the new, at what is entering the world-historical stage from the innermost depths of a new becoming, beginning its career as true historical power, its wings unfolding from the puparium.

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Mit einer solchen echt geschichtlichen Ansicht der Dinge würden wir uns das rechte Bewußtsein der weltgeschichtlichen Wendezeit, in der wir leben, erobern. Denn wir haben heute keine bloße Krise dieses oder jenes Landes, dieser oder jener politischen Parteien, dieses oder jenes politischen Grundsatzes, dieser oder jener Staatsform, dieser order jener Reformweise, überhaupt keine Teilkrise oder eine Summe davon vor uns, sondern eine Krise der allgemeinen Denkweise, Ideenrichtung, mit einem Worte, des ganzen Zeitgeistes. Es ist einer der Grundgedanken dieser Vorträge (der erst später bewiesen werden soll), daß wir es heute nicht bloß mit einer engeren politisch-wirtschaftlichen Krise, sondern mit einer vollkommenen Umkehr im geschichtlichen Zeitalter zu tun haben. Unsere Revolution gleicht auch nicht etwa der französischen Revolution; denn in dieser gelangte ein längst vorbereiteter geistiger Umschwung, eine längst herrschende Idee, der Individualismus, zum endlichen und vollkommenen politischen Durchbruche. Unsere Revolution und Zeitenwende dagegen bedeutet, daß eine alte Ideenrichtung, die an der Macht war — der Individualismus — verlassen wird, abstirbt und eine neue Denkweise anhebt, ein neuer Weg des Lebens gesucht wird. Aber noch kein ausgereifter Gedanke ist es, der heute seine Gestalt gewinnen will; sondern eine neue Idee will sich erst gebären, will sich selber erst gestalten. Daher darf man (später werden wir es genau begründen) unsere heutige Zeitwende zutreffend mit Renaissance und Humanismus vergleichen. Auch damals wurde eine gewaltsame Abkehr von einer alten Denk- und Ideenrichtung gesucht, eine Abkehr von dem christlichen Mittelalter, von der Philosophie und Lebensauffassung der Scholastik.

If we adopt a truly historical view of things we can seize the right awareness of the world-historical turning point in which we live. Today we face no mere crisis of this or that country, this or that political party, this or that policy, this or that form of government, or this or that manner of reform. We have no collection of such small crises before us, but instead a crisis of thought in general, in ways of thinking — in a word, the Zeitgeist. It is one of the key ideas of these lectures (to be proven later) that today we are facing not merely a narrow politico-economic crisis, but a complete historical reorientation. Our revolution does not resemble the French Revolution, in which the longstanding idea of individualism finally made its long-prepared political breakthrough. Our revolution and turning point instead signifies that the old way of thinking that was in power — individualism — is dying away, and that a new mentality is beginning, and a new way of life is being sought. However, the concept which today wants to acquire form is still not mature. It first wants to shape itself, and give birth to itself. That is why one may (and later we will establish it precisely) compare our present-day sea change with the Renaissance and humanism. Back then, a forceful break from an old way of thinking was sought, away from the Christian Middle Ages and the philosophy and conception of life of scholasticism.

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Die Renaissance war die erste Abwendung von dem ständisch-scholastischen Kollektivismus und Hinwendung zum Individualismus auf der Grundlage der klassischen Bildung; die heutige Krise ist die Gegenrenaissance, die auf eine Abwendung vom Individualismus hinzielt, eine Umwendung des Weltgeistes, wenn diese Hegelsche Bezeichnung erlaubt ist.

The Renaissance was the first turning-away from corporate-scholastic collectivism, toward an individualism based upon a foundation of classical education; the current crisis is the anti-Renaissance, which aims at a turning-away from individualism, a reversal of the world-spirit, if this Hegelian expression is permitted.

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Was wir bei dieser Betrachtung festhalten müssen, ist eine allgemeine Richtschnur für die Art, Geschichte zu treiben. Wir müssen erkennen, daß die Geschichte nicht als eine im Großen und Ganzen geradlinige Entwicklung nach aufwärts aufzufassen sei, wie uns die Darwinisten, Monisten und verwandte Richtungen glauben machen wollen. Mit diesem Standpunkte, den man uns von Kindheit an aufgedrängt hat, müssen wir gründlich brechen. Wir müssen die Geschichte stets als ein Absterbendes, Entwerdendes und als ein Werdendes, sich Erneuerndes zugleich betrachten; dabei aber nicht als eine Entwicklung geradeaus ins Unendliche und damit in das Nichts, sondern als ein wechselvolles Ringen um den höchsten Inhalt der menschlichen Lebensformen. Je ein Werden für einen Tod, eine Wahrheit für einen Irrtum, je eine neue Gestalt für einen verneinten Grundgehalt, wie umgekehrt. Es wäre ein grober Irrtum, wenn wir uns vorstellten, die Zeiten der Renaissance, der Aufklärung, des Kapitalismus seien solche, in der die Geschichte endgültige, absolute Schritte nach vorwärts getan hätte. Das ist eine so oberflächliche Ansicht, daß sie zum vollkommenen Nihilismus führt, indem sie nicht nur die früheren Zeitalter insgesamt als minderwertig verurteilt, sondern im selben Atemzug auch das eben vollkommenste Zeitalter an der Zukunft, die noch unendlich viel vollkommener sein wird, entwertet. Ranke, wie alle anderen wahrhaft großen Geschichtsforscher, hat dagegen jedem Zeitalter den ihm zugehörigen vollen Wert gegeben; er schließt seine Weltgeschichte mit folgenden Worten: “In unaufhörlicher, immer neue Schöpfungen hervorbringender Bewegung, und dennoch in allen Grundzügen sich selber treu, gleichsam in jedem Moment sein eigener Erbe, vollzieht sich so das welthistorische Geschick.” Ein solches aus der Vergangenheit und seinem eigenen Wesen Sich-Selbst-Heraus-holen, das ist die Geschichte; und es kommt uns darauf an, diesen wahren Anblick von dem, was unser Zeitalter tut, zu gewinnen.

We with this perspective must adhere to a general principle regarding how to approach history. We must recognize that history is not to be understood as a generally linear and upwards progression, as the Darwinian, monistic and related schools of thought would have us believe. We must make a radical break with this viewpoint, which has been forced on us all since childhood. We must always consider history as at once a dying or annihilation and a becoming or renewing. It is not a straightforward progression into the infinite and therefore into nothingness, but an eventful struggle for the highest content of human forms of life. For each becoming, a death; for each truth, a falsity; for each new form, a negated basic substance; and vice versa. It would be a gross error if we imagined the times of the Renaissance, the Enlightenment, or capitalism as ones in which history made definite, absolute steps forward. This view is so superficial that it leads to total nihilism, as it not only judges all past ages as inferior, but also, in the same breath, invalidates any idea of a perfected age of the future, which could always be infinitely more perfect. [Leopold von] Ranke, by contrast, like all other truly great historians, granted every age its full intrinsic value. He captures his idea of universal history in the following words: “In unceasing, ever-new creation and movement, but in all essentials true to itself and in every moment its own inheritor, in this way the world-historical destiny fulfills itself.” A self-extraction from both the past and its own essence, that is history; it is crucial for us to obtain this proper perspective on what happens in our age.

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Bei dieser Auffassung wird auch die Gefahr vermieden, im Geschichtlichen stecken zu bleiben. Wir müssen außer jenem bloß geschichtlichen Anblick der Dinge, den man nicht unschicklich das zweite Gesicht genannt hat, auch das erste Gesicht selber erlangen, nämlich die Erkenntnis der Dinge und Wesenheiten, die im gegenwärtigen Zeitverlaufe im Spiele sind, die soziologische Analysis, in der wir uns über die Frage klar werden: welches innere Wesen kommt jenen Dingen und Potenzen zu, die als ein Neues ihre Stellung und Gestalt gewinnen?

With this concept we will also avoid the danger of remaining stuck in history. Apart from that merely historical view of things which is not unfittingly referred to as the second (retrospective) face, we must also acquire the first face, or the perception of things and beings which are in play in the passage of present time. The latter is sociological analysis, in which we answer the following question: what inner nature belongs to those happenings and potentialities that obtain their position and form as the “new”?

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Auch hier muß ich ein Bekenntnis vorausschicken, das sich auf die Grundsätze des Verfahrens bezieht und von der herkömmlichen Weise abweicht: daß nämlich die Zergliederung der staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erscheinungen, weil sie (wie wir oben sahen) zuletzt auf eine Innerlichkeit stößt, viel mehr ist, als ein bloß induktives, beschreibendes und logisch verarbeitendes Denken; sie muß (man darf es ohne Pathos sagen) in die Tiefe des menschlichen Herzens hinabsteigen als zu dem letzten Quell und Ursprung unseres Lebensgesetzes und muß von da aus das Objekt “Gesellschaft” nachschaffend erkennen, muß von da her den Anschluß finden an die Verbundenheit des Einzelnen, gleichsam als sein Erwecktwerden durch die überindividuelle Ganzheit. Dieses Hinabsteigen, diese Anknüpfung meint aber keine Psychologie noch eine bloß künstlerische Erkenntnis der Subjektivität unseres Lebens, sie meint auch keine Weltanschauung, sondern eine objektive soziale Geisteslehre.

Here, too, I must offer an acknowledgement that refers to methodological principles but deviates from convention: namely that the analysis of political, economic and social phenomena, since it ultimately impinges (like we say above) on an interiority, is much more than a mere inductive, descriptive and logical process of reasoning; it must (one may say without pathos) descend into the depths of the human heart, to the ultimate source and wellspring of our law of life, and must from there perceive the re-creation of the object “society” and find the link to the connectedness of the individual — or in other words the individual’s awakening through the supra-individual totality. This descent and this connection suggest neither psychology nor a mere artistic perception of our subjective life. They also suggest no worldview, but rather an objective social theory of spirit.

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Eine solche Verfahrensweise gründet sich auf andere Fähigkeiten als nur auf das Logische des Denken oder Beobachtung und Zergliederung des Handgreiflichen, womit wohl die Naturwissenschaft, aber nicht die gesellschaftliche Wissenschaft auskommen kann. Sie böte ein klägliches Angesicht, wenn sie sich nur auf dieses äußere (beurteilende und verarbeitende) Denken beschränkte, das für sie vielmehr nur erste Vorbereitung ist; sie muß mit tiefster Empfindung der inneren Wesenheit der gesellschaftlichen Vorgänge als Wirklichkeiten und Wahrheiten der menschlichen Brust inne werden.

Such an approach is based on more faculties than just those of logical reasoning or the observation and analysis of the tangible, for which natural science, but not social science, is well suited. It would offer a pitiful countenance if it was limited to only this exterior (critical and process-oriented) thinking, which is instead just the initial preparation; it must with deepest emotional perception become aware of the inner being of social processes as realities and truths of the human heart.

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Solche Anforderungen also sind es, die wir an die gesellschaftswissenschaftliche Scheidekunst und an die Beurteilung unseres Zeitalters stellen müssen. Das bedeutet für unsere Wissenschaft kein Versinken in Subjektivität; wir bleiben im Stande vollkommener Wissenschaftlichkeit, wie sich später zur Genüge zeigen wird.

Such requirements, therefore, must be applied to the social-scientific analysis and evaluation of our era. That does not mean, for our science, a plunge into subjectivity; we must adhere to a completely scientific perspective, as will be explained later.

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So viel über das Verfahren. Die Einteilung unseres Gesamtstoffes ist wieder bestimmt durch den völligen Mangel an gesellschaftswissenschaftlicher Fragen erörtert, stößt auf das schlimme Hindernis, kein Grundvorstellungen von dem Wesen der Sache, keine gesellschaftswissenschaftlichen Grundbegriffe bei Zuhörer und Leser voraussetzen zu können. Die übliche soziologische Bildung ist äußerst lückenhaft, beschränkt sich auf wirtschaftliche, völkerkundliche, geschichtliche Kenntnisse, über das Wesen der Dinge und Probleme weiß man eigentlich gar nichts, allein schon deswegen, weil auch unsere Schulwissenschaft die Fragen falsch stellt, am Grundsätzlichen scheu vorübergeht. Deshalb muß ich eine soziologische Voruntersuchung vorausschicken und meinen Stoff gliedern in: 1. einen vorbereitenden Teil, der die gesellschaftswissenschaftlichen Vorkenntnisse entwickelt, womöglich ein kleiner Abriß der Gesellschaftslehre sein soll; 2. eine Kritik des Zeitgeistes; 3. einen aufbauenden, ausblickenden Teil.

So much for the procedure. The classification of our overall subject matter is again affected by the complete absence of discussion of social-scientific questions, since we are faced with the obstacle of being unable to presume basic understandings of the nature of the matter and fundamental social-scientific concepts among listeners and readers. The usual sociological education is highly incomplete, restricted to economic, ethnological, and historical knowledge. One learns nothing at all about the essence of things and problems, for the simple reason that current scholarly thought poses the wrong questions and timidly passes by the fundamentals. This is why I must begin with a preliminary sociological investigation and arrange my subject matter in the following way: 1. a preliminary part, which develops the elementary social-scientific knowledge and, if possible, includes a small sketch of social theory; 2. a part containing a critique of the Zeitgeist; 3. a synthesizing, forward-looking part.

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Schließlich möchte ich alle meine Hörer bitten, in diesen gewalttätig aufgeregten Tagen eine Mahnung von mir entgegenzunehmen. Unter Ihnen sind alle Richtungen politischen Denkens und Strebens zu finden, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken. Vieles wird uns daher trennen, aber wenn wir uns zur gemeinsamen Untersuchung zusammenfinden wollen, so müssen wir uns auf das richten, was uns alle verbindet, was uns allen nottut: Das Streben nach Wahrheit. Wir alle wollen die Wahrheit; die Frage ist nur, wer sie wirklich habe. Um darüber etwas zu erfahren, dazu kommen wir zusammen; und wir werden Gewinn davontragen, auch wenn wir uns nicht einigen sollten. Daher gilt für uns das Folgende. Zuerst: Wir treiben hier keine Parteipolitik! Es mag jeder Gedanke und jedes Wort, das hier gesprochen wird, unmittelbar von parteipolitischer Bedeutung werden können; aber um diese parteipolitischen Folgerungen haben wir uns hier nicht zu kümmern, wo wir als reine Forscher und Zergliederer um keinen Strich vom Ziele der Wahrheit zurückweichen dürfen. Daher gilt für uns ferner: Was einer auch Hartes gegen seine persönliche Überzeugung hier hören mag, es möge rein analytisch, innerhalb reiner Forschung, aufgefaßt und ausgetragen werden. Parteipolitische und sittliche Folgerungen mögen auf ihrer Ebene selbst gezogen und erwogen werden.

Finally, I would like to ask all of my listeners, in these violently turbulent days, to accept a warning from me. Below you will find examples of all directions of political thought and aspiration, from the extreme Right to the extreme Left. We will thus meet much disruption, but if we wish to converge in a common investigation we must focus on that activity which connects us all: the pursuit of truth. We all want the truth; the question is — who really has it? In order to learn something about this we must come together, and we will walk away with profit even if we do not unite. This, therefore means for us the following. First: we push no party politics here! It may be that each thought and each word spoken here can be invested with immediate party-political significance, but with these partisan inferences we should not concern ourselves. As pure researchers and analysts we must make no deviation from the pursuit of truth. Therefore, the following applies to us: although what is heard here many constitute a hardness pressing against one’s personal creed, it must be understood and dealt with entirely analytically, as part of pure scholarship. Party-political or moral inferences may be drawn and evaluated separately, on their own level.

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Uns eint aber noch ein Zweites, das gleiche praktische Endziel: Das Beste zu wollen, das menschliche Gemeinwesen aufs Angemessenste zu bestellen. Der rechts Stehende, der in dem Tun der Linkssozialisten die bloße Zerstörung sieht, wie umgekehrt der links Stehende, der in dem Tun der Rechtsseitigen das schwarze Unheil erblickt, sie alle dürfen und müssen einander die Überzeugung entgegenbringen, daß jenes gleiche, hohe Streben sie leite, das Eichendorff so schön ausgedrückt hat und das unseren Untersuchungen als Leitspruch vorausgesetzt werden darf:

We are united in seeking a similar practical end-goal. We both want the best for society, and to order the human community in the most just way possible. The person of the Right, who in the activity of the leftwing socialists sees mere destruction, is but the reverse of the person of the Left, who in the activity of the right sees only black misery. They must all meet each other with the conviction that they are led by the same high striving that [Joseph Freiherr von] Eichendorff has so beautifully expressed, in verse which may function as a maxim upon which to premise our investigations:

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“Ich möcht’ Euch alles geben

Und ich bin fürstlich reich.

Mein Herzblut und mein Leben,

Ihr Brüder, alles für Euch.”

“I wish to give you everything

And I am rich as royalty.

My lifeblood and my existence,

Brothers, all for you.”