Der wahre Staat: Third part: synthesis

Dritter Aufbauender Teil

Third part: synthesis

“Gleichheit unter Gleichen”

“Unterordnung des geistig Niederen unter das geistig Höhere”

— Das sind die Baugesetze des wahren Staates.

“Equality among equals”

“Subordination of the spiritually lower to the spiritually higher”

— These are the structuring principles of the true state.

25. Streitsätze

25. Theses

[1]

Nachdem wir die individualistischen Grundsätze als zum Aufbau der Gesellschaft untauglich in allen bisherigen Untersuchungen verworfen, die universalistischen aber als Wahrheit erkannt haben, und indem wir nun zum aufbauenden Teile unserer Untersuchungen gelangen, entsteht die entscheidende Frage: Welche ist die der universalistischen Auffassung innerlich entsprechende Gesellschafts- und Staatsordnung?

Having rejecting individualistic principles for the construction of society as unsuitable according to all of our investigations up to now, and having recognized the truth of the universalistic, we now arrive at the constructive part of our investigations and face the crucial question: which societal and political order corresponds inwardly with the universalistic idea?

[2]

Wir beantworten diese Frage in folgenden Aufstellungen oder Streitsätzen (Thesen), deren Beweis und Ausführung den späteren Abschnitten obliegen wird. Dazu müssen wir nochmals in begrifflicher Untersuchung zur Begriffsbestimmung des Standes schreiten, um dann endlich zur Behandlung der handgreiflichen Gestaltungen und Maßnahmen zu gelangen. Der Deutlichkeit halber entwickeln wir die Grundzüge der universalistischen Staatsordnung im Gegensatze zur individualistischen, und wiederholen daher zuerst zusammenfassend die uns schon bekannten kennzeichnenden Grundzüge der naturrechtlichindividualistischen Ordnung. Die Grundzüge dieser individualistischen Ordnung sind folgende:

We will answer this question in the following statements or propositions (theses), with their evidence and explication to be presented in the later sections. For that to happen, we must proceed again in our conceptual analysis to the definition of the corporation, and then finally arrive at an understanding of the rough form and measure of the universalistic political order. For the sake of clarity we will develop the essentials of the universalistic political order in contrast to the individualistic, and thus first reiterate what we have already established by summarizing the characteristic features of the individualistic natural-law regime. The basic features of this individualistic order are the following:

[3]

1. Sie ist atomistisch; d. h. a) Jedes Mitglied des Staates und der Gesellschaft ist dem anderen gegenüber gleichartig und gleichwichtig (homogen und äquivollent — Grundsatz der Gleichheit); b) das eigentliche geistig wesentliche Leben jedes Einzelnen spielt sich als selbsterzeugtes in sich selbst ab, er ist im letzten Grunde geistig isoliert und autark.

1. It is atomistic; that is to say a) each member of the state and of the society is in relation to all others alike in nature and importance (homogenous and equivalent — the principle of equality); b) the real spiritual essential life of every individual functions as self-begotten in itself; he is, in the last analysis, spiritually isolated and independent.

[4]

2. Der Staatsaufbau ist daher notwendig zentralistisch und unmittelbar. Denn wegen der Gleichheit der einzelnen Bürger gibt es notwendig nur Eine Staatsgewalt, zu der jeder Bürger in einem unvermittelten (unmittelbaren) Verhältnis steht; der Grundsatz der Gleichheit verlangt, daß alle Bürger zu derselben Regierung in Beziehung treten, und dies verlangt wieder die Unmittelbarkeit der Beziehung. Wir haben diese Tatsachen durch den oft wiederholten Satz bezeichnet: “Ein Volk, Eine Regierung.”

2. The state structure is therefore necessarily centralistic and unmediated. Due to the principle of the equality of individual citizens there is necessarily only one state authority, which stands in an immediate and unceremonious relation to every citizen; the principle of equality demands that all citizens move in step with the government, and again this requires an immediacy of relationship. We have often heard this idea repeated in the phrase, “One people, one government.”

[5]

Im Gegensatze hierzu steht die universalistische Auffassung. Diese verlangt, wenn sie wirklich zu Ende gedacht wird, nicht den Kommunismus (den wir vielmehr als versteckten Atomismus und utopische Wirtschaftsform kennen lernten); sondern einen Gesellschaftsbau, der die Ungleichheit genau der Natur der Sache gemäß zur Entfaltung bringt und so geistig wie wirtschaftlich das Baugesetz der Gerechtigkeit zur Geltung bringt: “Jedem das Seine.” Diese aus der Natur der Sache geschöpfte Ungleichheit verwirklicht sich in folgenden Grundsätzen als in den Baugesetzen der Gesellschaft:

In opposition to this stands the universalistic point of view. This requires, if it is really thought through, not communism (which we are much more acquainted with as a concealed atomism and a utopian economic system), but a social structure that in its unfolding is fully in accordance with the inequality of the nature of things, and likewise brings into reality the structuring principle of spiritual and economic justice: “to each his own.” This inequality, created in accordance with the nature of things, is actualized in the following principles as in the structuring principles of society:

[6]

1. Organische Ungleichheit statt atomistischer Gleichheit der Teile; d. h.: a) Ungleichartigkeit der Bestandteile der Gesellschaft, aber b) gleiche Wichtigkeit (Äquivalenz) für die Erreichung des Zieles. Es ist die Eigenschaft des Organismus, daß bei einer bestimmten Gesamtleistung (z. B. bestimmtem Gesundheitsgrad, bestimmtem Wohlbefinden) die Leistungen aller Teile zwar von ungleicher Beschaffenheit, aber gleich wichtig sind. Diese Gleichwichtigkeit ist aber nur möglich durch gegenseitige Abgestimmtheit, Entsprechung, abgestimmte Ungleichheit. (Organische oder bauliche Ungleichheit oder Grundsatz der Entsprechung des Ungleichen); c) die Gleichwichtigkeit bedeutet wieder leistungsmäßige Gleichheit.

1. Organic inequality rather than atomistic equality of parts; in other words, a) heterogeneity of the components of society, but b) equal importance (equivalence) for the attainment of ends. It is in the character of the organism that for it to maintain a specific total capacity (for example, a certain level of health or wellness), the performance of its individual parts will be of unequal character but equal importance. This organic equivalence is only possible through inter-coordinated and analogically harmonious inequality. (Organic or structural inequality or the principle of inter-coordinated inequality); c) organic equivalence again signifies equality in relation to the performance of the organism.

[7]

2. Hierarchische oder rangordnungsmäßige Wertverschiedenheit, kürzer gesagt, wertmäßige Ungleichheit der Teile. (Der Heilige ist wertvoller als der Sünder: Grundsatz der wertmäßigen oder absoluten Ungleichheit.)

2. Hierarchical or rightly ordered differences in worth, or more briefly stated, the value-based inequality of parts. (The saint is more valuable than the sinner: principle of value-based or absolute inequality.)

[8]

3. Die Teile der Gesellschaft bestehen nicht in getrennten (alleinstehenden), einzelnen Menschen, sondern lediglich aus Gemeinschaften selbst, in denen erst die Einzelnen durch Eingliederung Existenz haben. Ferner: Die Grundeigenschaft dieser Gemeinschaften ist: Teile eines geistigen Gesamtganzen zu sein, und das heißt wieder: als Teil-Ganze ständische Eigenschaft zu erlangen. Damit ergibt sich a) das Baugesetz der ständischen Gliederung statt der zentralistischen Einheit; b) das Baugesetz der Mittelbarkeit statt der Unmittelbarkeit, und c) die Organisiertheit der Teile statt ihrer mechanistischen und atomistischen Isoliertheit.

3. The parts of society do not consist of separate, isolated individuals, but of communities in which the individual exists primarily through incorporation. Further: the basic feature of these communities is that they belong to a spiritual totality and must have corporative features to maintain the part/whole relationship. This results in a) the structuring principle of corporate organization as opposed to the centralistic unity; b) the structuring principle of mediation as opposed to immediacy, and c) an emphasis on the organization of parts rather than on their mechanistic and atomistic isolation.

[9]

Erläuterung, Beweis und Ausführung wird später folgen. Hier möge noch ein allgemeiner Bescheid über den Unterschied von Organismus und Staat bei universalistischer Auffassung der Gesellschaft vorausgeschickt werden, um den Irrtum zu beseitigen, als sei die Anwendung des Organismusbegriffes auf die Gesellschaft ernsthaft möglich, da so viele universalistisch gerichtete Bestrebungen sich schlechthin als “organische Auffassung” zu bezeichnen pflegen.

Explanation, evidence and explication will follow later. Here we may put forward a more general statement about the distinction between organism and state in the case of the universalistic concept of society, in order to eliminate the error of thinking that the direct application of the organism-concept to society is seriously possible, given that many efforts aiming at universalism label themselves unambiguously as the “organic view.”

[10]

Erläuternder Zusatz über den Unterschied zwischen Organismus und Gesellschaft. Es genügt nicht, der atomistischen Auffassung eine “organische” gegenüberzustellen, um die Mechanität des Individualismus zu überwinden, denn der Organismus selbst ist wieder nur eine Mittelstufe zwischen Mechanismus und Gesellschaft (Staat). Die Gesellschaft ist eine noch übermechanischere Erscheinung als der Organismus — weil sie geistiger ist als er!

Explanatory supplement about the difference between the organism and society. To overcome the mechanicalness of individualism it does not suffice to place an “organic” view of society in opposition to the atomistic view, since the organism itself represents only an intermediate stage between mechanism and society (or state). Society is an even more mechanical phenomenon than the organism — because it is more spiritual!

[11]

Im Organismus möchte ich, wie schon oben, Punkt 1, geschah, unterscheiden. 1. Die planmäßige Ungleichheit der Teile. Planmäßig heißt dabei abgestimmt, gegenseitig entsprechend (korrelativ, korrespondierend). So sind Herz und Lunge, Magen und Darm aufeinander abgestimmt. Diese Gegenseitigkeit ist eine Überwindung des Atomischen und daher Mechanistischen, damit aber der rein physikalischen Natur des Organischen. Sie ist das eigentlich “Organische” am lebenden Körper, sie begründet auch die “organische Ungleicheit” in seinen Teilen. Dieselbe Eigenschaft der organischen Ungleichheit hat die Gesellschaft, auf ihre morphologisch-anatomischen Bestandteile hin betrachtet, z. B. indem Publikum gegen Künstler, Laie gegen Priester, Krieger gegen Bürger, Unternehmer gegen Arbeiter, Landwirtschaft gegen Gewerbe steht.

I would like to distinguish in the organism what I have already noted above in point 1:

1. The ordered inequality of parts. “Ordered” means to be aligned in mutual accordance (correlative, corresponding). In this way the heart and lungs, or stomach and intestines, are aligned with each other. This reciprocity represents an overcoming of the atomistic, and thus the mechanistic, through the purely physical nature of the organic. It is what is actually “organic” in the living body that facilitates the “organic inequality” of its parts. Society possesses the same property of organic inequality regarding its morphological-anatomical components, as in the relationship between the public and the artist, the layman and the cleric, the soldier and the civilian, the industrialist and the worker, or agriculture and industry.

[12]

2. Diese entsprechungsmäßige, korrelative “organische” Ungleichheit ist dennoch verbunden mit Gleichwichtigkeit aller Organe — allerdings nur bei bestimmtem Leistungsstande. Die “Organe” sind ihrem Begriffe nach Leistungseinheiten. Das Herz pumpt das Blut zum Umtrieb, die Lunge besorgt die Auffrischung durch Atmung usw. Dieses Zusammenspiel, dieses Gebäude der Leistungen hat die Grundeigenschaft, in jeder Grenzwirkung (Wirkung der letzten Aufwendung eines Organs, z. B. des letzten Lungenbläschens) gleich wichtig zu sein, wenn ein ganz bestimmter Stand der Gesamtleistung ins Auge gefaßt wird. Denn für einen bestimmten Grad von “Gesundheit,” von “Wohlbefinden,” “Frische” oder dgl. ist nicht nur nötig, daß das Herz, die Lunge, das Zentralnervensystem und ähnliche absolut lebenswichtige Organe (Leistungseinheiten) vollkommen das ihrige leisten (“funktionieren”), sondern auch, daß die kleinste Muskelgruppe, das kleinste Glied mit vollkommenen Leistungen auftritt und hinzukommt. Das letzte Lungenbläschen, der letzte Herzmuskel und der letzte Muskel des kleinen Fingers sind alle unentbehrlich gerade für diesen bestimmten Grad von Gesundheit und Wohlbefinden. Geht man aber auf einen geringeren Leistungsstand herab, z. B. überhaupt nur “Erhaltung der Arbeitsfähigkeit” oder gar nur “Fortkommen mit dem Leben,” so sind die Organarten natürlich nicht gleich wichtig, da der kleine Finger, einige Lungenbläschen usw. wohl dafür entbehrt werden können, nicht aber das Herz oder einige Zentren des Großhirns. Bei dem neuen, nunmehr angenommenen Gesamtstande der “Gesundheit” aber (d. h. aller Leistungen), erweisen sich die Beiträge aller Organe wieder als gleich wichtig. Dieselbe Eigenschaft der Gleichwichtigkeit aller Beteiligten hat die Gesellschaft, sofern sie als Gebäude von Leistungen betrachtet wird. Auch hier muß für einen bestimmten Stand des Gesamtlebens der letzte (schwächste) Arbeiter, der letzte Krieger, der letzte Priester, der letzte Beamte seinen Beitrag leisten, sonst würde jener Lebenstand leiden — diese Beiträge sind daher gleich wichtig mit denen der führenden Wirtschafter, Staatsmänner, Kirchenfürsten, Künstler, natürlich nur: an diesem Gesamtstande gemessen.

2. This corresponding, correlative “organic” inequality is nevertheless bound to the equality of importance (or organic equivalence) of all organs — even if only in regard to the achievement of designated performance levels. The organs are, conceptually, units of power. The heart pumps the blood to the active area, the lungs supply replenishment through breathing, and so forth. It is characteristic of this cooperation, this edifice of performance, that each impact limit (the impact of the last expenditure of an organ, such as impact of the last pulmonary alveolus) is of equal importance, if a specific level of combined output is envisaged. Since for a specific level of “health,” of “wellness,” “freshness” or the like, it is not only necessary that the heart, the lungs, the central nervous system and such absolutely vital organs (or units of power) perform perfectly, but also that the smallest group of muscles or the most insignificant body parts likewise play their roles with perfection. The last pulmonary alveolus, the last heart muscle, and the last muscle of the small finger, are all indispensable exactly for this particular level of health and wellness. However, for the maintenance of a lesser level of performance, such as “conservation of working capacity,” or even simply “advancement of life,” it is obvious that not all organ types are equally important, since in such a case the small finger, a few pulmonary alveoli, and so forth, can certainly be lacking, but not the heart or any cerebral centre. If we henceforth assume a total condition of “health,” however (or the achievement of all performance capabilities), we again see the contributions of all organs as equally important. The society possesses the same quality of the equal importance of all its parts, provided it is viewed as an edifice of performance. Also in this case, to achieve a certain state of life in the aggregate, the last (feeblest) worker, the last warrior, the last priest, the last civil servant must provide his contribution, otherwise this state of existence would suffer. Their contributions are therefore as important as those of the leading managers, statesmen, cardinals, and artists — when, of course, measured in relation to the aggregate.

[13]

3. Was dem Organismus nicht zukommt, ist dagegen die Geistigkeit und das heißt die innere Werteigenschaft jedes Gliedes, jedes Bestandteiles. Blut, Nahrung, Knochen mögen je etwas anderes sein (ungleich), an sich sind sie weder wertvoll noch wertlos, so wie Luft gegen Stein weder Wert noch Unwert darstellen. Anders die Glieder der Gesellschaft: Arbeiter, Unternehmer, Priester, Laien, Künstler, Zuhörer, König, Bürger, Trinker, Nüchterne, Begeisterte, Stumpfe — alle sind sie in ihrer Geistigkeit etwas mit einem ganz eigenen und nur ihnen zukommenden Werte. Dieses Wertsein mag verschieden eingeschätzt werden, ja nachdem der Schätzende Christ oder Heide, fromm oder gottlos, gut oder böse ist — aber jeder muß einschätzen. Das Geistige hat also als notwendigste, unabweislichste Existenzform die Werteigenschaft in sich. In dieser Werteigenschaft ist jeder Bestandteil der Gesellschaft ungleich-wichtig, denn er ist nicht Bestandteil eines Leistungsgebäudes, sondern Wertteil eines Wertganzen, z. B.: Heilig oder verbrecherisch auf der Leiter des Sittlichen, wahr oder falsch auf der Leiter des Wahren. Wir werden unten S. 198 f. noch auseinandersetzen wie es zur geistigen Welt d. h. zur Wertwelt, zum Wertkosmos gehört, daß Niederes und Höheres im Gegensatz zueinander da seien. Hier genüge es, diese Ungleichheit als polare, absolute oder Wertungleichheit von der bloß baulich-organischen Ungleichheit zu unterscheiden. Die Wertgleichheit ergibt die Schichtbarkeit der Gesellschaft nach Werten und mit dem Zwang zur Wertung auch den Zwang zur Wertschichtung der gesellschaftlichen Elemente. Die Gesellschaft ist als Wertganzes ein wahrhaft intelligibles Wesen, der Wertteil ein intelligibler, apriorischer Beitrag zur Ganzheit.

3. What does not belong to the organism, however, is the spirituality or inner worth of each member, each unit. Blood, nourishment, and bones may all be dissimilar (unequal), but inherently they are neither valuable nor worthless, just as air against stone possesses neither worth nor worthlessness. Different are the limbs of society: workers and businessmen, priests and laity, artists and audiences, the king and the citizenry, drinkers and sober people, the enthusiastic and the dull — all are in their spirituality something entirely their own, befitting value. Such value may be assessed differently by the Christian or Pagan, the pious or the godless, the good or the evil — but all must value. The spiritual has therefore intrinsic value as the most necessary and unrefusable form of existence. Each constituent part of society is unequal in importance in terms of value, since we are not considering parts of a power structure but portions of a totality of value, such as holy or criminal on the ladder of morality, or true or false on the ladder of truth. On page 198 and following we will examine how lower and higher exist in opposition to each other in the world of spirit, or the world of values, the value-cosmos. Here it is enough to distinguish this polar inequality, this absolute or value inequality, from mere structural-organic inequality. Value inequality results in the stratifiability of society according to value, and with the enforcement of this valuation comes the enforcement of the stratification of social elements according to value. The society as a value-totality is a truly intelligible being, with the value-member being an intelligible, a priori contribution to the totality.

[14]

Der Organismus kann nach dem Obigen bezeichnet werden als ein Übermechanismus, die Gesellschaft als ein Überorganismus.

According to the above, the organism may be referred to as a super-mechanism, and society as a super-organism.

[15]

Wir kehren von dieser kurzen Vorbetrachtung wieder zu unserer Untersuchung zurück.

We turn back from this short preliminary consideration again to our examination.

[16]

26. Die innere Gleichartigkeit der Gemeinschaft

Indem wir uns von der kritischen Betrachtung des politischen Ideengehaltes unserer Zeit und von der Betrachtung des Abbruches der Gesellschaft zu ihrem Neuaufbau wenden, müssen wir an die soziologische Grundbesinnung des Anfangs, an die Lehre von der Gemeinschaft anknüpfen. Wir haben uns früher genau klar gemacht, worin das Wesen der Gemeinschaft bestehe: Es ist der geistige Austausch, das darin gelegene Überindividuelle, was das eigentlich Fruchtbare und Wesenhafte in unserem Leben ausmacht, was unserem Leben die Gesellschaftlichkeit als wesenhafte Grundform einprägt.

26. The inner homogeneity of the community

As we turn from the critical consideration of the political idea-content of our time, and from the consideration of the destruction of society to its reconstruction, we must establish at the beginning a fundamental sociological awareness of the theory of the community. Earlier we made it precisely clear wherein the nature of the community persists. It is the spiritual intercommunion located in the supra-individual that constitutes the fruitful and essential in our being, and that impresses sociality upon our being as an essential basic form.

[17]

Da ergibt sich nun die weitere konkretere Frage, die uns jetzt beschäftigen soll: Zwischen wem ist Gemeinschaft (Gezweiung) möglich? Die Antwort lautet: Zwischen Gleichgearteten; und zwar nicht zwischen vollkommen Gleichen, sondern zwischen Gleichgearteten, die sich in irgend einem Sinne ergänzen, die also noch Gegensätzlichkeit zwischen sich haben. Gemeinschaft bildet sich durch Verschiedenheit in der Gleichheit. Heißt doch Freundschaft vor allem: Einander etwas geben, etwas sein, was nicht möglich wäre, wenn jeder ohnehin vollkommen das besäße, was der andere hat. Demgemäß sehen wir ja auch, wie gerade die wesentlichsten Gemeinschaftsverhältnisse auf gegenseitige Ergänzung angelegt sind: Mutter und Kind, Lehrer und Schüler, Künstler und Genießender, Priester und Laie, Forscher und Schule. Immer wird man finden, daß die Gemeinschaft in einem wesentlichen Sinne ergänzende Gemeinschaft für die Teilnehmer ist, ergänzend auf Grund engerer oder weiterer Gleichheit. Die Einsicht, daß jeweilige Gleichheit, Gleichartigkeit die Vorbedingung für die Bildung geistiger Gemeinschaft sei, ist eine Grundwahrheit der Gesellschaftslehre, eine Grundeinsicht, ohne die ein tieferes Urteil über gesellschaftliche Dinge meistens gar nicht möglich ist. Ich möchte die genannte Erscheinung das Gesetz der inneren Gleichartigkeit oder Homogenität der Gemeinschaften nennen.

There arises an additional, more concrete question that we should now engage with: between whom is spiritual community (Gezweiung) possible? The answer is clear: between like natures; and not between absolute equals, but rather between natures that are in some sense complimentary, and that therefore still possess contrariness. Community forms itself through difference in equality. That means friendship is above everything else: each to each, something is given, and something exists that is not possible when each person already has full possession of what every other person owns. Thus, we also see precisely how the most essential community relationships are based upon complementarity: mother and child, teacher and pupil, artist and audience, priest and layman, researcher and school. One will always find that the community is in an essential sense a complimentary community for its members, by way of lesser or greater equality. The insight that relative equality and similarity are the precondition for the development of spiritual community is a fundamental truth of social theory, a foundational insight without which a deeper assessment of social things is largely impossible. I would like to name this phenomenon the law of inner similarity or homogeneity of communities.

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Aus diesem Gesetz folgt eine weitere Grundeinsicht. Wenn Gemeinschaft nur auf Grund gewisser geistiger Gleichartigkeit möglich ist, so sind lebendige, bildende Gemeinschaften stets klein. Denn es können immer nur wenige Menschen sein, die einander gleichen, die sich innig ineinanderfügen und dabei noch eine für die Gemeinschaftsbildung fruchtbare Verschiedenheit mitbringen. Ich möchte diese Erscheinung das Gesetz der Kleinheit der Gemeinschaften nennen. Das Gesetz der Kleinheit der Gemeinschaften folgt unmittelbar aus der Grundtatsache der Gleichgeartetheit der Gemeinschafter.

From this law follows another fundamental insight. If community is only possible on the basis of a certain spiritual homogeneity, then vital and formative communities most always be small. For there can always be a few people who are similar to each other, who are intimately connected to each other, and yet still bring along with them a diversity that is fruitful for community building. I would like to name this phenomenon the law of the smallness of communities. The law of the smallness of communities follows immediately from the elementary fact of the inner homogeneity of communities.

[19]

Besteht aber ein Gesetz der Kleinheit der Gemeinschaften, so muß zunächst jede Gesellschaft im Hinblick auf ihren Aufbau aus geistigen Gemeinschaften ein Bild maßloser Zerklüftung bieten! Und in der Tat, sehen wir uns in unserer Erfahrung um, so finden wir die seltsamste Trennung und Zersplitterung der Gemeinschaften und damit auch der Menschen, die ihnen angehören. In der einen Stube eines Gasthofes tagen vielleicht die Freidenker, in der anderen die katholischen Gesellenvereine; in der einen die Impfgegner, in der anderen die Ärtze, die Impfzwang fordern; hier die Konservativen, dort die radikalen Liberalen und Demokraten; hier die Pazifisten, dort imperialistische Nationalisten; hier die Neu-Malthusianer, die den Geschlechtsverkehr als rein hygienische Frage und Privatsache auffassen, dort der religiöse Sittlichkeitsverein; hier die Spiritisten, dort die Materialisten; hier die Vegetarianer, dort der (fleischfressende) Athletenklub; hier die Schmetterlingssammler mit ihrer Freude am Kleinen, dort die Parteiführer mit ihren in die Ferne schauenden Blicken; hier die offene Volksversammlung, dort die Freimaurerloge auf ihren geheimbündlerischen Pfaden; hier der Stammtisch des Sparvereins, dort die alles vergeudende Spielergesellschaft; hier die Künstler, dort die Banausen — alle diese Kreise sind sich gegenseitig nicht etwa feindlich, nein mehr, sie sind einander fremd! Was aber noch viel mehr wundernimmt, diese Unbekanntheit scheint zu wachsen, je näher sich die betreffenden Gruppen stehen. Das Künstler und Philister einander nicht verstehen, nimmt nicht wunder, was soll man aber dazu sagen, daß der Klub der Kubisten und der Futuristen, der Impressionisten und Expressionisten, der Mottensammler und der Tagfaltersammler, daß die Gruppe der Richard-Strauß-Verehrer und der Schönberg-Verehrer einander schon gar nicht mehr verstehen! Einander innerlich kaum kennen, ja verachten! Alle diese kleinen Gemeinschaften sind einander fremd, wie vom Monde heruntergekommen.

However, if a law of the smallness of communities exists, it means that every society must display, with regard to its construction from spiritual communities, an image comprised of measureless fissures! And in fact, we see in our experience the strangest disconnection and fragmentation of communities and the people associated with them. In one room of the inn sits perhaps the freethinkers, in the other the Catholic journeyman’s association; in one the anti-vaccination fanatics, in the other the doctors calling for compulsory vaccination; here the conservatives, and there the radical liberals and democrats; here the pacifists, and there the imperialistic nationalists; here the new Malthusians (who understand sexual intercourse as a purely private matter that only raises questions of hygiene), and there the religious morality association; here the Spiritists, and there the materialists; here the vegetarians, and there the (carnivorous) athlete’s club; here the butterfly collectors with their joy in the small, and there the party leaders gazing into the distance; here the open public meeting, there the masonic lodge with its secret social pathways; here the table of the savings club, there the party of dissipated gamblers; here the artists, there the philistines — generally speaking, these circles are more alien to each other than they are antagonistic. What is much more astonishing is that the closer the groups in question stand, the more this lack of recognition seems to grow. It is not surprising that the artist and the philistine do not comprehend each other, but how do we account for the fact that the clubs of cubists and of futurists, of impressionists and of expressionists, of moth collectors and of butterfly collectors, of Richard Strauss admirers and of Schoenberg admirers, have no better understanding of each other! Inwardly, they barely know, let alone despise, each other. Each of these small communities sees the other as alien, as if they had just arrived from the moon.

[20]

Dem Gesetze der Kleinheit der homogenen Gemeinschaften entspricht die Zerklüftung der Gesellschaft in verhältnismäßig zusammenhanglose, einander entfremdete Gemeinschaften, Teilgruppen und Teilkreise.

The law of the smallness of homogenous communities corresponds to the fissuring of society into comparatively disconnected, mutually estranged communities, subgroups and sub-circles.

[21]

Der Bestand der Gesellschaft wäre gefährdet, wenn die kleinen, einander fremden Gemeinschaften schlechthin in ihrer Zerklüftung beharrten. Das ergäbe wieder ein atomistisches Urgemenge, dessen Bestandteile zwar nicht Einzelne, sondern kleine Gemeinschaftsgruppen wären, jedoch nicht minder unfähig, ein Gesamt-Ganzes zu bilden.

The survival of society would be jeopardized, if the small, mutually estranged communities simply persisted in their separation from other communities. That would produce again an atomistic chaos. Its ingredients would not be individuals but small communities, but it would be likewise incapable of forming a complete whole.

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27. Das aus Gleichartigkeit und Kleinheit der Gemeinschaften sich ergebende Schichtungsgesetz der Gesellschaft.

Soll die Gesellschaft trotz ihrer Zerklüftung bestehen, so muß irgendein ihr innewohnendes, d. h. begrifflich gefordertes (kategoriales, apriorisches) Ordnungsgesetz, gleichsam ein Bauplan in ihr wohnen. Dieses Ordnungs- und Entfaltungsgesetz, dieser Bauplan, dieser wirkende Grundzug ist: Die Wertschichtung oder Wertabstufung, die Rangordnung nach der Zugehörigkeit zu einem Werte, die absolute, wertpolare Ungleichheit. Das Schichtungsgesetz der Gesellschaft ist die Ordnung nach Wertschichten.

27. That from the homogeneity and smallness of communities emerges the law of stratification of society.

If a society is to persist despite its fragmentation, it must possess within itself a conceptual (categorical, a priori) law of organization, or in other words an inner construction plan. This law of organization and development, this construction plan, this fundamental element of agency, is value-stratification or value-gradation, or in other words a hierarchy based on the absolute, polar inequality of value. The law of the stratification of society is based upon the order of the stratification of value.

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Man kann sich jede Gesellschaft nach Art einer Pyramide geschichtet denken, in welcher die höchsten Werte die Spitze bilden, und zugleich die geringste Anzahl, die geringste Menge in sich fassen, die niedrigsten Werte die Grundlage mit der größten Anzahl, der größten Menge, so daß bei einer zeichnerischen Darstellung die Grundlage breit, der Gipfel aber eng und spitz würde.

One can think of any society as layered in the manner of a pyramid, in which the highest values constitute the apex and at the same time hold the smallest quantity, the smallest crowd, while the lowest values form the foundation with the greatest quantity, the greatest crowd, so that with a graphic depiction the foundation would be broad and the pinnacle tight and sharp.

[24]

Nun kann man hiergegen einwenden, daß ja diese Pyramide je nach dem Wertsystem, nach welchem man ordnete, ganz anders ausfallen würde. Das ist durchaus zuzugeben. Nach einem christlichen Wertsystem z. B. würden die Heiligen zu oberst, die große Zahl der gewöhnlichen, schwachen Gläubigen und gar der Ungläubigen zu unterst kommen. Nach jenem der Freidenker wäre die Pyramide wieder anders geordnet. Es ergibt sich ja dabei ohne weiteres, daß jedes Wertsystem eine Pyramide (oder vielleicht eine Zwiebel) ergäbe, d. h. wenige Spitzenwerte und viele geringe Werte und schließlich negative Werte. Jedes Wertsystem wird zu einem Ergebnis kommen, als hätte der Weltbaumeister Gold und Edelsteine nur sparsam unter die große Masse gemeiner Gesteinsarten eingesprengt.

Against this, one may object that this pyramid could look entirely different depending on the value system by which it was arranged. That is thoroughly admitted. According to a Christian value system, for example, the saints would be placed at the highest level, and the great number of ordinary, uninfluential believers, and all of the unbelievers, would go to the bottom. The pyramid would again be ordered differently if based on the values of freethinkers. It is clearly apparent that any value system would generate a pyramid (or perhaps an onion): that is to say, few peaks, and many lower values and ultimately negative values. Every value system will arrive at such a result; in the same way, the architect of the world disseminated gold and gemstones only sparingly under the great masses of commoner types of rock.

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Wichtig ist aber ferner: Daß die Ordnung nach Wertschichten durchaus nicht so verschieden ausfällt, wie die Gegensätzlichkeit der gesonderten Gemeinschaften selbst verlangt. Es können sich z. B. Wagnerianer und Anti-Wagnerianer bis aufs Messer bekämpfen, in der Wertung der Musik und weiterhin des Künstlerischen, ferner der schöpferischen Geister in der Kunst und den ihr verwandten geistigen Gebieten sind sie relativ einig: Allgemeinere (abstraktere) und darum weiter umfassende Gesamt-Gemeinschaften finden sich trotz innerer Verschiedenheit der Wertungen zusammen. Die Kunst würde in einem Wertsystem der Wagnerianer und ihrer Gegner, bei Kubisten, Futuristen, Impressionisten, Expressionisten doch immer eine ähnliche Stellung in der gesellschaftlichen Pyramide einnehmen; die Streitigkeiten beginnen hier erst in der Schichte der Kunst selber, sie sind innere, gleichsam häusliche Angelegenheiten der betreffenden Wertschicht. Ähnlich die religiösen Gemeinschaften. Sie sind darüber einig, welche Stellung die religiösen Werte in der Pyramide einzunehmen haben; erst innerhalb dieser Schichte der Pyramide entsteht recht eigentlich der Streit zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Rechtgläubigen und Neueren.

It is also important that the order demanded by value-stratification never produces difference in excess of that demanded by distinct communities themselves. It can be, for example, that Wagnerians and anti-Wagnerians bring out their knives when arguing about music and artistry, but regarding the creative spirits in art and their related spiritual realms they are in relative agreement: more general (more abstract) and therefore more comprehensive communities find themselves brought together in spite of inner disagreement regarding values. With cubists, futurists, impressionists, or expressionists, art would occupy a similar position in the social pyramid as it would in one based on the value system of Wagnerians and their opposites; the controversies begin within the stratum of art itself, and they are inner or domestic, so to speak, affairs of that particular value stratum. The same applies to religious communities. They are in agreement regarding the position of the religious values in the social pyramid; it is within this stratum of the pyramid that the arguments between Catholics and Protestants, or between the orthodox and the new, first appear.

[26]

Der letzte, hier zu beachtende Punkt ist aber dieser. Da die Gemeinschaften von sich aus zunächst ganz zerklüftet sind, so gilt notwendig: Die Wertschichtung der zerklüfteten Gemeinschaften muß in jeder geschichtlich bestehenden Gesellschaft, die nicht durch Anarchie zerreißen und auseinanderfallen soll, herrschaftsmäßig durchgeführt werden. So bestand im Mittelalter die christliche Schichtung, in der Zeit vor dem Kriege die liberale mit monarchischen und autoritativen Einschränkungen, und heute soll die rein demokratische (abstimmungsmaschinengemäße) Schichtung an ihre Seite treten, wogegen aber allerdings sozialistische, völkisch-organische und andere Wertungen streiten. — Die Gesamtorganisation der Gesellschaft, der Staat, ist es daher, welcher nach einem jeweils herrschenden Wertungsgrundsatz die Wertschichtung in großen Zügen durchführt und organisatorisch befestigt. Im Mittelalter wurde dem Priester-stande, dem Krieger- und Ritterstande, dem Bürger-, Handwerker-, Gesellen- und Bauernstande je ein gewisser Rang nach der Wertschätzung zugewiesen, wobei verhältnismäßig wenig im Flusse und dem freien Austrag der Beteiligten anheimgestellt blieb. In der liberalen und demokratischen Zeit dagegen wurde nach dem Grundsatz der Gleichheit die Verschiedenheit der Wertung möglichst ausgeschaltet, d.h.: Man wollte das Staatsleben mechanisch ordnen, auf bloße (gleiche) Sicherheit und auf Rechtsgleichheit einstellen und bemühte sich, die Wertungen möglichst freizugeben, das heißt, in das freie, staatlich nicht unmittelbar geregelte Geistesleben abzuschieben. Wie wenig dies aber (als gegen die Natur der Dinge verstoßend) möglich war und gelungen ist, zeigt ein Blick auf die wirkliche Gesellschaft. Zuerst mußte notgedrungen eine Wertung gegenüber den negativen Elementen eintreten. Die Verbrecher, die sittlich Minderwertigen, die Armen-Unterstützten, die politisch Gefährlichen mußten abwehrend-negativ gewertet, d. h. unterdrückt werden; dann mußten die wirtschaftlich Führenden (die Unternehmer), die politisch Führenden (die Politiker, Staatsmänner), auch die militärisch Führenden durch entsprechende positive Wertung herausgehoben werden aus der Menge der Übrigen; die Bürger mit einer gewissen Schulbildung und Fachbildung wurden mit Berechtigungen versehen (z. B. für den Staatsdienst); die verschiedenen Altersstufen mußten für Wahlrecht und Wählbarkeit, Geschäftsfähigkeit, Pflegschaft usw. verschieden gewertet werden (wie wir auch oben S. 60 sahen); die Proletarier blieben z. T. als standlos und entwurzelt zurück und verfielen geringerer Berechtigung—auf diese und auf tausend andere Weisen wurden Wertgruppen geschaffen, welche freilich nach Möglichkeit versuchten, einer Stellungnahme in Kampfe der Geister auszuweichen—aber nur nach Möglichkeit. Ein Mindestmaß von (organisatorischer) Festlegung der Wertschätzung, von staatlicher Gutheißung, Begünstigung und Unterdrückung der Werte mußte aufgerichtet werden. Es folgt: Die liberal-demokratische Gesellschaft ist jene, die sich mit einem Mindestmaß an Wertschätzungen begnügt, das das nach dem Grundsatze der mechanischen Natur des Staatslebens gebildet und der individualistisch-demokratischen Wertskala angepaßt ist. Die Gesellschaften anderer Zeitabschnitte nehmen wieder andere Wertschichtungen vor, wie sie den in ihnen herrschenden Wertungssystemen jeweils entsprechen.

The final point to note here is the following. Communities themselves are initially quite fissured, so it is necessary for every historically-existing society to enforce the value-stratification of such communities through a measure of authority in order to avoid being torn to pieces by anarchy. Thus, in the Middle Ages there was Christian stratification, and in the pre-war period there were liberal along with monarchistic and authoritative constraints. Today, the purely democratic stratification (in accordance with the voting machine) must be incorporated, against which socialistic, ethnic-organic, and other political valuations are to struggle.—It is thus the overarching organizational force in society, the state, which in broad outlines conducts and organizationally fortifies the value-stratification according to an always-dominant valuation principle. In the Middle Ages the classes of priest and of warrior and knight, as well as of citizen, artisan, journeyman, and peasant, were allocated a certain rank according to level of esteem, whereby comparatively few remained in the realm of flux and free production of all according to their own discretion. In the liberal and democratic era, however, diversity of valuation was neutralized as much as possible according to the principle of equality. One sought to mechanize the order of political life, to focus on mere (equal) safety and equal rights, and to liberalize value judgements as much as possible—or in other words, to dispose of the free, public, and indirectly governed spiritual life. The meagre extent to which this was possible and successful (since it is in conflict with the nature of things) provides a glimpse of the reality of society. First, an unavoidable assessment of the negative elements had to occur. Criminals, the morally inferior, the poor on assistance, the politically dangerous, had to be valued as negative influences, which means they had to be suppressed; then it was necessary, through a corresponding positive valuation, to raise up the economic leaders (the businessmen), the political leaders (the politicians and statesmen), and the military leaders from the remaining crowd; the citizens with a specific school education and technical education were furnished with entitlements (for public service, for example); the various age groups had be classified in regard to their right to vote, to run for public office, to enter into legal contract and trusteeship, and so forth (as we saw on page 60); the proletariat stayed behind to some extent, estate-less and rootless, and fell to an inferior status—in these and in a thousand other ways, value groups were created, which certainly attempted, when possible, to avoid taking a position in the battle of the spirit—but only when possible. A modicum of (organizational) establishment of valuation—of state approval, encouragement and inhibition of values—had to be erected. It follows: the liberal-democratic society is one which is content with a minimum amount of valuation, and one that is shaped according to the principle of the mechanical nature of political life and aligned with the individualistic-democratic value-scale. The societies of other periods have different value stratifications, corresponding to the reigning value system in each case.

[27]

Auf diese Weise geschieht es, daß die Gesellschaft die ihr innewohnende, rein gestaltliche (sozusagen anatomisch-morphologische) Nötigung zur Zerklüftung, zur Herrschaftslosigkeit und zum Kampfe aller Gemeinschaften gegen alle, wie zur Fremdheit aller Gemeinschaften gegenüber allen überwindet und mittels der Vorherrschaft eines bestimmten Wertschätzungssystems eine bestimmte Schichtung der Wertgruppen vornimmt und erst dadurch eine lebensfähige Gestalt erwirbt.

It is in this way that society overcomes its indwelling, purely corporal (that is to say, anatomical-morphological) compulsion toward fissuring, to anarchy, and to the struggle of all communities against each other, in the sense of the otherness of all communities in relation to each other, and by means of the dominance of one particular system of valuation creates a particular stratification of value-groups and only thereby acquires a viable form.

[28]

Es ist offenbar, daß die Gestaltwerdung der Gesellschaft solchermaßen nur möglich ist, indem die dem herrschenden widersprechenden Wertsysteme und Wert-Rangordnungen unterdrückt werden. Die individualistisch-liberal-demokratische Lebensordnung und Wert-Randordnung herrscht heute und unterdrückt die ihr feindlichen konservativen, christlichen, völkischen, marxistischen und anderen Wertschichtungen ganz oder teilweise; die mittelalterliche, christliche Wertschichtung unterdrückte die ihr feindlichen, unchristlichen, freidenkerischen Schichtungen (Ketzergerichte, Hexenprozesse). Die sittlich geordnete Gesellschaft unterdrückt die sittlichkeits-widrigen, verbrecherischen Elemente. So beruht jede geschichtliche und lebendige Gesellschaft auf der Bändigung der ihr feindlichen Wertsysteme und insbesondere auch auf der Bändigung einer sittlich-minderwertigen, verbrecherischen Welt. (Das “unterirdische Wien”, der “Bauch von Paris”, die ständige Bevölkerung der Zuchthäuser, Gefängnisse, Armenhäuser.) In Zeiten des Überganges, der Herrschaftslosigkeit, der Revolution tauchen dann diese gebändigten, lange unsichtbar und fast unbekannt gewordenen Elemente plötzlich auf und möchten nun ihrerseits eine solche Wertschichtung der Gesellschaft bestimmen, welche die Tätigen, Ehrlichen, Reichen, aber auch alle anderen Arbeitsamen unterdrücken und zu Ausbeutungsobjekten machen würde. (Beispiele hierfür die vielen bolschewikenartigen Ausstände und Güterverteilungen in der griechischen Verfallszeit, die Schreckensherrschaft von Verbrechern in so vielen Revolutionen.) n1: Vgl. Pöhlmann, Geschichte der sozialen Frage und des Sozialismus in der antiken Welt. München, 2. Aufl. 1912. Bd. I., S. 313 ff., 416 ff.

It is obvious that the formal emergence of society in this way only becomes possible as the prevailing contradictory value systems and hierarchies are suppressed. The individualistic-liberal-democratic way of life, with its hierarchies of value, reigns today and suppresses its enemy value-stratifications—be they conservative, Christian, ethnic, Marxist or other—in whole or in part; the medieval, Christian value-stratification suppressed its enemy unchristian, freethinker stratifications (Inquisitions, witch trials). The morally ordered society suppresses the morality-adverse, criminal elements. Thus relies every historical and living society on the repression of its enemy value-systems and especially on the repression of a morally inferior, criminal world. (The “underground Vienna”, the “Belly of Paris”, the perpetual population of penitentiaries, prisons, and poorhouses.) In times of transition, of anarchy, of revolution, these subdued, long hidden and almost unknown elements suddenly surface and would like, for their part, to establish a value-stratification of society that would suppress not only the active, honest, and rich, but also the industrious in general, and make them objects of exploitation. (Examples of this include the many Bolshevik-like strikes and distributions of goods during the decline of Greece, and the reigns of criminal terror during so many revolutions.) n1: Cf. Pöhlmann, History of the Social Question and of Socialism in the Ancient World. Munich, 2. ed. 1912. Vol. I., p. 313 et seq. 416 et seq.

[29]

Es ergibt sich, daß ohne Wert-Herrschaft und darum ohne wirkliche Macht-Herrschaft und Herrschergewalt keine Gesellschaft möglich ist, daß aber diese Herrschaft stets auf bestimmte vorherrschende Wertungsweisen, auf geistige Rangordnungen sich gründen muß.

It follows that no society is possible without a value regime, and therefore without a sovereign power and hierarchy of authority, and that this power must always be based upon certain predominant valuations, or spiritual hierarchies.

[30]

28. Die Folgerungen aus dem wertgeschichteten Stufenbau der Gemeinschaften.

I. Die Vielartigkeit der Gemeinschaftskreise führt zur Ständischheit der Gesellschaft.

1. Der Begriff des Standes. Gestaltenmäßig (morphologisch) gesehen, ergibt sich auch aus der erkannten Wertschichtung der Gesellschaft noch immer die Frage: Wie wird aus der Vielartigkeit der geschichteten Gemeinschaften eine Einheit? Wie kann die Gesellschaft leben, wenn trotz ihrer Wertschichtung nur Leute, die wie vom Monde heruntergekommen, einander fremd oder feindlich sind, je für sich ihre Gemeinschaftskreise bilden? Wie beseitigt die Wertschichtung die Isoliertheit und Einzigartigkeit, die Unauswechselbarkeit der betreffenden Gemeinschaft? Sie ergibt zwar eine Rangordnung der Gemeinschaften, aber sie ergibt nicht lebendig-organische Wechselseitigkeit, Gliederung, Differenzierung dieser Gruppen im Verhältnis zueinander. Es bliebe noch immer nur eine Art von Atomisierung der Gesellschaft auf höherer Stufe. Erfordert ist aber folgendes: Um ein Ganzes, eine Gesellschaft zu sein, müssen die voneinander verschiedenen Gemeinschaften die Eigenschaft erhalten, ein Glied jenes geistigen Gesamt-Ganzen zu werden, das in der Gesellschaft gegeben ist; sie müssen die Natur der Gliedlichkeit erhalten. Erst durch Gliedlichkeit wird das unterschieden Geartete zum geistigen Teil-Ganzen, zum geistigen Stand der Gesellschaft.

28. The consequences of the value-stratified hierarchical structure of communities.

I. The diversity of community circles leads to the corporativity of society.

1. The concept of the corporation. The value-stratification of society, viewed formally (morphologically), still raises the question: How does the diversity of stratified communities become a unity? How can society exist, if in spite of its value-stratification, people form their own community circles and are alien or hostile to each other, viewing each other as if they have just come down from the moon? How does value-stratification eliminate the isolatedness and uniqueness, the inexchangeability of the particular community? It provides a hierarchy of communities, but it does not provide vital organic reciprocity, structure, and differentiation of these groups in their relationship to one another. It still remains merely a kind of atomization of society, but of a higher order. The following is required: in order to be a whole, or a society, the different communities must acquire the capacity to become members of that spiritual aggregate-whole which preexists in the society; they must acquire the character of membership. It is only through membership that different natures combine to become the spiritual aggregate-whole, the spiritual corporation of society.

[31]

Wie ist aber der Begriff der Gliedlichkeit zu bestimmen? Wodurch wird eine geistige Gemeinschaft zum Glied einer Gruppe von geistigen Gemeinschaften, also eines umfassenden geistigen Ganzen?

But how is the concept of membership to be defined? How does a spiritual community become a member of a group of spiritual communities, and so part of an all-embracing spiritual whole?

[32]

Die Antwort ist diese: Die Bestimmung “gliedlich” für eine geistige Gemeinschaft oder einen Gemeinschaftskreis ist zuletzt nur aus der Fülle der geistigen Inhalte, aus der zusammengehörigen Ganzheit, aus dem Kosmos der geistigen Erscheinungen zu nehmen. Alle geistigen Inhalte bilden ein Ganzes, auch indem sie die gegensätzlichsten Teile darstellen. Sind doch für alle geistigen Gruppen schon rein logisch, rein innerlich ihre Bezugspunkte bestimmt: Ihre Gegner, Verwandten, Freunde, Neutralen sind stufenweise rein logisch, innerlich-notwendig gegeben! So ist in Wahrheit kein Geistiges isoliert, sondern stets als Glied gegeben (und zwar unangesehen des Wertranges!). Betrachten wir dies an Beispielen:

The answer is this: the term “membership,” for a spiritual community or a community circle is ultimately taken from nothing but the abundance of spiritual contents, or in other words from the connected wholeness and the cosmos of spiritual phenomena. All spiritual contents form a whole, even while they represent opposing parts. For all spiritual groups, their reference points are already determined: their opponents, relations, friends, and neutrals are progressively assigned, according to pure logic and inward necessity! Thus, in truth, no spirit is isolated, but is always a member (and indeed, regardless of value ranking!). Let’s consider these examples:

[33]

Im Drama z. B. gibt es, streng genommen, immer nur Spieler und Gegenspieler, niemals einen Spieler allein. So steht dem Liebenden eine Geliebte, dem Helden ein Feigling, dem Guten ein Bößer, dem Verführer ein Verführter, dem Ränkespinner ein Harmloser, dem Heiligen die Welt, dem Liebling des Glückes ein Unglücklicher, dem hingebenden Menschenfreunde (wie Timon von Athen) die Schar der Eigensüchtigen gegenüber. So entspringt in Shakespeares “Heinrich IV.” aus dem noch neutralen Urstand der morallosen Tafelrunde, in der Heinrich und Falstaff sich befinden, der gewaltige Gegensatz zwischen dem Wahrer des Gesetzes, Heinrich, der im hellen Glanze des sittlichen Menschen aufsteigt, und dem vollkommen ruchlosen, a-moralischen Fallstaff, der in gänzlicher Nichtigkeit erst durch diesen Gegensatz vor uns steht. Es lehrt uns das Beispiel des Dramas, daß die geistigen Inhalte der einander feindlichen oder fremden Gemeinschaften nichts Chaotisches, sondern Bausteine einer geistigen Ganzheit, eines geistigen Kosmos sind; eines Wertkosmos, logischen Kosmos, ästhetischen Kosmos usf.; sie haben ihre innerlich festgelegten Bezugspunkte, Widersprüche und Verwandtschaften, sie stehen daher (ihrem geistigen Inhalte nach) zueinander grundsätzlich in einer gliedlichen Beziehung!; und sie gewinnen durch diese gliedliche Gegensätzlichkeit sogar erst ihre ganze Wirklichkeit, ihre ganze Leibhaftigkeit und Wahrheit, die sonst schal und eintönig, ja unwirklich wäre. Und dies gilt nicht nur für das Drama, es gilt für alles Wirkliche. Wenn nur grau in der Welt wäre, gäbe es keine Farbe (als eine sichtbare), wenn nur Heiligkeit, keine Religiosität (als eine wißbare). Alle Realität braucht zum Voll-Dasein einen Gegensatz. Das Geistige ist nur wirklich, ist nur vollkommen da kraft des Materiellen, zu dem es in Gegensatz tritt, das Religiöse nur voll-wirklich da kraft des Gegensatzes zum Abtrünnigen, Lässigen, Gleichgültigen, das uns vom Gotteserlebnis abführen will, das Licht nur kraft der Finsternis, das Rechte nur kraft des Unrechten. n1: Über die ontologische Seite des Fragepunktes vgl. Schellings herrliche “Weltalter.”

In drama, for example, there is, properly speaking, only ever a protagonist and an antagonist, and never a protagonist alone. Thus stand facing each other the lover and the beloved, the hero and the coward, the good guy and the bad guy, the seducer and the seduced, the schemer and the naïf, the saint and the world, the lucky one and the wretch, and the devoted friend of mankind (like Timon of Athens) and the selfish crowd. Thus arises in Shakespeare’s Henry IV, from the neutral state of the moral-less court in which Henry and Falstaff are initially situated, the huge contrast between the upholder of the law, Henry, who ascends with all the bright splendour of the moral man, and the perfectly profane, amoral Fallstaff, who stands before us in complete frivolity only through this contrast. The example of drama teaches us that the spiritual contents of communities that are hostile or alien to each other are not a chaos, but rather the building blocks of a spiritual totality, of a spiritual cosmos; of a value cosmos, logical cosmos, aesthetic cosmos, and so forth; they have their inwardly-determined reference points, contradictions, and relationships, and they therefore stand against each other (in terms of their spiritual contents) in what is fundamentally a relationship of organic membership!; what they gain through this organic contrariness is indeed their entire reality, their entire corporeality and truth, without which they would be vapid, drab, and unreal. And this applies not just to drama, but to all of the real. If there were only grey in the world, there would be no colour (as something visable), and if there were only holiness in the world, there would be no religiosity (as something knowable). All reality needs an antagonism to reach full existence. The spiritual is only real, is only fully there, by virtue of the material to which it stands in opposition; the religious is fully real only in opposition to the faithless, the careless, and the indifferent who wish to lead us away from the experience of God; light is fully real only by virtue of darkness, and justice only by virtue of injustice. n1: About the ontological side of the question, compare Schelling’s magnificent “Ages of the World.”

[34]

Betrachten wir noch einige andere Beispiele genauer. In der Welt des Sittlichen zeigt es sich klar, daß alle guten und schlechten Triebe, Neigungen, Gewohnheiten, Gefühle, Gedanken und Grundsätze, die überhaupt im Menschen anzutreffen sind, die “Welt des Sittlichen” (positiv wie negativ verstanden) ausmachen. Jedes Element, welcher Art immer, ist daher ein Element des “sittlichen Kosmos,” ein Glied desselben, wenn auch zum Teil mit negativem Vorzeichen. Darum steht der Verbrecher von Natur an einer bestimmten Stelle im sittlichen Kosmos, z. B. im Gegensatz zum Wahrhaftigen.–Ein anderes Beispiel: Überall in der logisch-theoretischen Erkenntnis (sei es die Mathematik, sei es die Erkenntnistheorie, sei es selbst sie Mineralogie, die Physik) sind jeweils alle vorhandenen Lehrstücke und Lehrbegriffe die Bausteine jener Gedankengebäude, welche das “System der Erkenntnistheorie,” das “System der Mineralogie” ausmachen. Und die verschiedenen, einander bekämpfenden Systeme und Lehrbegriffe bilden in diesem Sinne als Gesamt-Ganzes abermals ein Ganzes, denn ihre Gegensätze zueinander machen ja gerade, daß sie nicht in der Luft hängen, sondern sich auf einander beziehen. Auch die Irrtümer und das Negative müssen dem Positiven, dem höchsten, richtigsten System gegenüberstehen! Sie bilden gleichsam seine überwundenen Bestandteile, seine latenten Gegenspieler.

Let us consider some other examples in greater detail. It is clear that all of the good and bad desires, inclinations, habits, emotions, thoughts, and principles that are generally found in people constitute the “world of the moral” (understood positively or negatively). Any element of any type is therefore an element of the “moral cosmos,” and a member of the same, even if also to some extent a negative signification. Thus, the criminal stands by nature in a particular place in the moral cosmos, such as in contrast to the honest.–Another example: everywhere in logical-theoretical cognition (be it mathematics, be it epistemology, be it even mineralogy or physics) it is the case that all already-available procedures and concepts are the building blocks of those conceptual edifices that comprise the “system of epistemology” or the “system of mineralogy.” And the different, mutually antagonistic systems and established concepts form in this sense an aggregate-whole that is nevertheless a whole, since their mutual antagonisms do not just hang in the air but rather draw upon each other. Even error and the negative must stand against positive–against the highest, most correct system! They form, so to speak, its overcome component, its latent adversary.

[35]

Ja, diese Notwendigkeit inneren Gegensatzes geht noch weiter. Selbst dort, wo nur noch Eine Ansicht, Eine sittliche Tugend, Eine geistige Richtung da ist, herrscht sie doch nur kraft der Überwindung der falschen Ansichten, der schlechten Triebe, Gefühle und Gedanken. Wer Wahrheit hat, ist durch viele Irrtümer hindurchgegangen; wer Tugend besitzt, hat sie niemals ganz von Geburt, sondern immer nur dadurch, daß er die schlechten Regungen und Anlagen in sich überwand und sich sowohl die Kraft erbildete, neue schlechte Regungen niederzukämpfen, als auch in die alten, schon überwundenen Fehler nicht zurückzufallen; wer Askese hat, hat die äußere Begierde nicht vernichtet, nur innerlich gebändigt, sie muß als Gegenspieler, als Möglichkeit des Gegenteils noch übrigbleiben. Schon daran, daß sowohl im Theoretischen als auch im Sittlichen (wie im Künstlerischen, Religiösen) ein Rückfall in alte mindere Stufen stets möglich ist, zeigt sich, daß auch das scheinbar Einartige in sich eine latente, wenn auch überwundene Gliederung enthält.

This necessity for inner contradiction goes even further. Even where there is only one opinion, one moral virtue, or one spiritual orientation, it rules only by virtue of the overcoming of false opinions, and of bad desires, feelings, and thoughts. Whoever has truth has gone through many errors; whoever possesses virtue never has it entirely by birth but always through the overcoming of his own evil impulses and faculties, creating in himself the capacity to both overpower new evil impulses and avoid falling back into the old, already-overcome vices; whoever is ascetic has not destroyed the exterior craving, but only innerly subdued that which must still remain as adversary, as the possibility of the opposite. The fact that in both the theoretical and the moral (as with the artistic and the religious) a regression to older, lower levels is always possible, reveals that even the apparently homogenous contains within itself a latent, albeit overcome, segmentation.

[36]

Aus all dem folgt: Niemals gibt es schlechte und gute, höherwertige und minderwertige, wahre und unwahre Elemente und Gemeinschaften einer jeweiligen geistigen Welt als isolierte, chaotische Sondergebilde mit bloßen Werteigenschaften; sondern nur als organische Bausteine eines Geistig-Gegensätzlichen–als Glieder–als Stände! Diese gliedliche Bezogenheit, diese geistige Verknüpftheit der Gemeinschaften gleicht wieder dem Organismus, wo auch immer neben dem vollkommen Gesunden ein weniger gesundes oder geradezu Krankes, Entartetes vorhanden ist und neben dem sich Bildenden ein sich Ausscheidendes. Das Leben des Organismus ist ein steter Kampf gegen diese Entartung und doch wieder ein stetes Ins-Gleichgewicht-Kommen.

Following from all of this, we can say that in a particular spiritual world there are never bad and good, superior and inferior, true and untrue elements and communities that constitute isolated and chaotic special structures with pure value-properties; such things only exist as organic components of a spiritual oppositionality–as members–as corporations! This corporate relatedness, this spiritual intertwining of communities resembles again the organism, wherever alongside the perfectly healthy the less healthy or indeed the sick, the degenerate is present and alongside the formative an eliminative. The life of the organism is a constant struggle against this degeneration and at the same time a constant coming-into-equilibrium.

[37]

Als Gesamtergebnis dürfen wir wiederholen: Die Gliedhaftigkeit einer geistigen Gemeinschaft im Gesamtbau des geistigen Kosmos macht sie zum geistigen Stand. Die höheren, wie die niederen geistigen Gemeinschaften gehören jeweils in bestimmter Stellung, in bestimmter Bezogenheit der Welt des Geistigen und Seelischen an, sind also “Glieder” dieser Welt–allerdings nicht gleichwertige. Auch in der niederen geistigen Welt wohnt die höhere, die “Ganzheit,” weil in der niedern Welt ja die Bezugnahme auf die höhere liegt, weil sie ja auf das Ganze hingeordnet, darauf angelegt ist; so ist auch der Verbrecher ein Glied der sittlichen Welt, weil er das Schlechte im Gegensatz zum Guten ist; das Schlechte ist damit (in verneinendem, gegensätzlichem Sinne) Glied des Sittlichen.

By way of summation, we may reiterate: the membership of a spiritual community in the total structure of the spiritual cosmos makes it a spiritual corporation. The higher and the lower spiritual communities each belong in a particular place in, and a particular relatedness with, the world of the spiritual and the emotional, and so are “members” of this world–although not of equal value. Even in the lower spiritual world, the higher, the “totality,” dwells, since it is in the lower world, which is directed to the whole and designed for it, that the reference to the higher lies; thus, even the criminal is a member of the moral world, since he is the bad in opposition to the good; the bad is thereby (in the negative, oppositional sense) a living part of the moral.

[38]

Legen wir die gefundenen Eigenschaften des geistigen Standes in streng begrifflich-analytischer Weise auseinander, so ergibt sich Folgendes. Der Begriff des “Geistigen Standes” wird in dreifacher Weise bestimmt: 1. zum “Stand” wird ein Gemeinschaftskreis durch die Zusammenfassung von Ganzheit, die er darstellt. Ausdruck von Ganzheit zu sein, ist die erste Grundeigenschaft des Standes; 2. der jeweilige geistige Stand ist aber eben darum nicht Ausdruck der vollen Ganzheit überhaupt, sondern: Ausdruck der Ganzheit in einem Besonderen. Denn nur als dieses bestimmte Glied, nicht im Allgemeinen (Abstrakten) ist ein Kreis von Gemeinschaften “Stand,” d. h. er ist ein eigentümlicher, arteigener Ausdruck des Ganzen. Und damit ist der Stand 3. ein solcher eigentümlicher Ausdruck, der in Entsprechung zu anderen Ständen seine Wesenheit besitzt–weil er eben nicht alles ist und daher bei aller Ganzheit nach innen doch ein Bruchstück nach außen hin und bei aller Eigenheit des Fürsichseins doch durch und durch auf Gegenglieder angelegt, auf das Ganze hingeordnet ist. In ihm ist das Ganze verborgen, das Einzelne enthüllt.

If we separate the found properties of the spiritual corporation in a strictly conceptual-analytic manner, the following is revealed. The concept of the “spiritual corporation” becomes distinct in a threefold manner: 1. a community-circle becomes a “corporation” through the binding together of the totality that it represents. The first basic property of the corporation is that it is an expression of totality; 2. but the particular spiritual corporation is not then only an expression of the full totality in general, but rather the expression of totality in a particular. Because a circle of communities is only a corporation as a distinct member, and not in general (the abstract), that means a corporation is a unique, species-specific expression of the totality. And thereby the corporation is 3. one such unique expression which possesses its being in correlation to other corporations–since it is precisely not everything and thus in spite of all its inward wholeness is outwardly a fragment, and in spite of all its singularity of being-for-itself is arranged through and through upon opposing members, and is ordered toward the whole. The totality is concealed in it, and the particular revealed.

[39]

In allen diesen drei Bestimmungsstücken ist von einer anderen Seite her nur immer wieder dasselbe gesagt. Denn sie sind eine Dreiheit, die das Innesein von Ganzheit im Einzelnen und das Bestehen von Einzelheit durch Ganzheit erklärt. Das Streben nach Ganzheit ist die zweite höhere Natur der Einzelheit, welche sich in dieser Natur selbst übertrifft, überwindet, zurückformt in die Einheit.

In all these three determinant elements, the same thing is said again and again, but from different perspectives. This is because they are a trinity that explains the inner consciousness of totality in the particular and the existence of particularity by means of totality. The striving for totality is the second, higher nature of particularity, through which it surpasses, overcomes, and reshapes itself in the unity of the totality.

[40]

Es ergibt sich so der Begriff des geistigen Standes als eines Eigenher [nur immer wieder dasselbe gesagt. Denn sie sind eine Dreiheit, die das Innesein von Ganzheit im Einzelnen und das Bestehen von Einzelheit durch Ganzheit erklärt. Das Streben nach Ganzheit ist die zweite höhere Natur der Einzelheit, welche sich in dieser Natur selbst übertrifft, überwindet, zurückformt in die Einheit.]

It is thus clear that the concept of the spiritual corporation as a unity [the same thing is said again and again, but from different perspectives. This is because they are a trinity that explains the inner consciousness of totality in the particular and the existence of particularity by means of totality. The striving for totality is the second, higher nature of particularity, through which it surpasses, overcomes, and reshapes itself in the unity of the totality.]

[41]

Aus diesem Begriff des Standes, indem er die Momente der Besonderheit und der Ganzheit zugleich umfaßt, folgt abermals, was wir früher schon in anderem Zusammenhange fanden: die Notwendigkeit einer Mehrheit von Ständen. Wo Ein Organ ist, müssen auch andere Organe sein, wo Ein Stand ist, müssen viele andere Stände sein.

From this concept of the corporation, which encompasses at the same time the aspects of particularity and totality, follows what we discovered earlier in other context: the necessity of a plurality of corporations. Wherever there is an organ, there must also be other organs; wherever there is a corporation, there must also be many other corporations.

[42]

Hieraus wieder folgt umgekehrt: die erträumte Auflösung der Ganzheit in eine “klassenlose Gesellschaft,” d. h. in eine homogene, standlose Gesellschaft, wie sie der Marxismus und Kommunismus will, wäre wider die innere und äußere (geistige wie handelnde) Natur der Gesellschaft, daher in Wirklichkeit unmöglich, geradezu technisch unausführbar. Die Kommunisten haben keine Ahnung von dem Unterschied zwischen der inneren Ganzheit und der herausgetretenen (als differenzierte Einzelheit entfalteten). Sie verlangen überall die Seligkeit, welche die Gesellschaft nur als ein den Menschengeist überschreitendes Ganzes berühren kann.

From this again follows the reverse: the imagined resolution of the totality in a “classless society,” which means in a homogenous, non-corporate society like that desired by Marxism and Communism, would be against the inner and outer (spiritual and active) nature of society, and therefore in reality impossible and simply technically unworkable. The communists have no idea of the distinction between the inner totality and the emerged outer (unfolded as differentiated particulars). They demand everywhere the salvation which society can reach only as a whole that transcends the human spirit.

[43]

Aus dem entwickelten Begriffe des Standes folgt ferner: die eigentümlich Gefahr und Schwäche einer Gesellschaft, deren Organisation ganz allein auf die Stände gegründet ist. Wenn die Stände zu weit abgeschlossen nebeneinander bestehen, so bilden sie mehr eine bündlerische (föderative) Einheit. Bündnis (Föderation) bedeutet aber mehr ein Nebeneinander als eine Über- und Unterordnung, als die volle Zusammenstimmung zu einer Ganzheit. Das bloße Nebeneinander der Stände wäre ein individualistischer Einschlag in den Aufbau der Gesellschaft, die ihrer Ganzheit Abbruch tun müßte. Diese Gefahr zeigt tatsächlich das Mittelalter (Zerreißung des Staates im deutschen, dagegen Überwindung dieser im englischen Ständestaat des Mittelalters). Die zu weit gehende Sonder-Einheit und Abgeschlossenheit der Stände gefährdet die Einheit des Ganzen, des Staates. Das Verhältnis der Stände zueinander soll daher darauf gegründet sein, daß ein Stand stets in einem gleichsam einheitlichen Urstande des Ganzen, im einheitlichen Stammsitze der Ganzheit wurzelt und lebt.

Further, from the developed concept of the corporation follows the particular peril and weakness of a society which is organized entirely upon the basis of corporations. If the corporations are too cloistered in their side-by-side existence, they form more of a bundled (federative) union. However, such an alliance (a federation) signifies coexistence more than it does a super- and suborder, or a fully co-operative totality. The mere coexistence of corporations would allow for an individualistic element in the structure of society, which would have to abandon its totality. This peril actually points to the Middle Ages (the rupturing of the state in the German, as opposed to the overcoming of the same in the English, corporate state of the Middle Ages). Corporations that are insular and too far-reaching in their specialized unity threaten the unity of the whole, of the state. The relationship of the corporations to each other should therefore be grounded on the idea that a corporation always roots in and lives in a so-to-speak unified original state of wholeness, in the unified tree-trunk of the totality.

[44]

2. Geistige und handelnde Stände. Der geistige Stand ist die Gemeinschaft oder der Gemeinschaftskreis in seiner Eigenschaft als Glied der geistigen Inhalte aller Gemeinschaften betrachtet. Der geistige Stand ist aber insofern nur uneigentlich ein “Stand” zu nennen, weil er als solcher noch kein handelndes Dasein, keine einheitlich nach außen hin wirkende Gestalt angenommen hat. Als rein geistiger ist er gleichsam noch im Puppenstand (latenter Stand, schlummernder Stand, Vor-Stand). Erst im Handeln ist etwas nach außen hin Stand und bewährt sich in seiner Einheit. Zum wirklichen Stand wird der geistige Stand erst, wenn er in einem handelnden Stand in die Wirksamkeit gesetzt (aktuiert) wird (erwachter Stand, Stand mit wirkendem Dasein, mit Voll-Dasein).

2. Spiritual and actual corporations. The spiritual corporation is the community or the community-circle considered in its quality as a member of the spiritual contents of all communities. However, the spiritual corporation is called a “corporation” in a metaphorical sense only, since it, as such, has assumed no active existence, no unified outwardly active form. As purely spiritual it is still, so to speak, in the pupal stage (as a latent corporation, dormant corporation, or pre-corporation). It is only in activity that it becomes outwardly a corporation, established in its unity. The spiritual corporation becomes the actual corporation only when it is posited (actualized) in reality (as the awoken corporation, the corporation with full and active existence).

[45]

Die handelnden Stände sind entweder politische Stände oder wirtschaftliche Stände, entsprechend den beiden großen Gruppen des Handelns, die wir oben (s. S. 72 f.) unterschieden: Mittelbeschaffendes Handeln (Wirtschaft) und Hilfshandeln, d. h. organisierendes oder politisches Handeln.

The actual corporations are either political corporations or economic corporations, corresponding to the two great groups of action that we distinguished (see page 72 and following): resource-generating action (the economy) and organizing action (politics).

[46]

Der geistige Stand ist die Grundlage des Handelnden, ist das Primäre, die Wurzel, der Urstand. Die handelnden Stände in Wirtschaft und Politik sind aber erst die voll wirklichen, wie gesagt, die aktuierten Stände, im eigentlichen Sinne des Wortes Voll-Stände.

The spiritual corporation is the foundation of the actual corporation. It is the primary, the root, the original. The actual corporations in economics and politics are simply the fully real and actuated corporations, as already mentioned. They are realized corporations, in the proper sense of the term.

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Beim handelnden Stand ist die Gliedlichkeit sinnfälliger. Ein Beispiel: Die wilden Landsknechte mögen für sich betrachtet ein bloßer Haufen, eine rohe Horde sein. Wodurch wird diese zum Stand, zum Kriegerstand? Dadurch, daß sie gewisse Verrichtungen (Funktionen) in der Ganzheit übernimmt. Die Landsknechte können in den Krieg geschickt werden. Als Krieger haben sie die Aufgabe zu kämpfen, wofür die Ganzheit es verlangt. Sie mögen für sich eine rohe Horde sein, aber diese Hordennatur wird gebändigt und etwas Gliedliches dadurch, daß ihre Kraft in derjenigen Richtung geht, in der das Ganze es verlangt. So sehen wir hier anschaulich, wie die Ganzheit die Natur eines Besondersten annimmt, als Besonderheit aber dem allgemeinen Zweck treu bleibt und gehorcht: der Stand.

With the actual corporation, membership is more evident. An example: uncivilized mercenaries may be taken, in themselves, as parts of a mere mob, a rough horde. How do they become a corporation, a body of warriors? As a result of certain activities (functions) performed by the totality. The mercenaries can become proficient in war. As warriors they have the task of fighting for what the whole requires. They may, in themselves, be parts of a rough horde, but this horde-nature is subdued and becomes something corporate, with the result that their power goes whichever direction the whole demands. Thus we see in a vivid manner how the totality adopts the nature of the most particular, as the particular faithfully conforms to the universal end: the corporation.

[48]

Und wieder: der Stand hat seine Besonderheit nicht um der Besonderheit willen, er darf sie nur so haben, als hätte er sie nicht, sonst entartet er. Er hat sie nur als besondere Form von Ganzheit. Handelnde Stände sind gleichsam beamtet, sind “Pflichtstände,” sie dürfen nicht mehr noch weniger sein als dieses, sonst würde ihre Besonderheit zur Vereinzelung, Abtrennung von der Ganzheit gesteigert.

And again: the corporation does not possess distinctiveness for the sake of distinctiveness. It can only have it as if it did not have it; otherwise it degenerates. It only has it as a particular form of wholeness. Actual corporations are, so to say, official. They are “corporations of obligation.” They can no longer be anything less than this, otherwise their distinctiveness would increase the isolation and detachment from the totality.

[49]

29. Die Folgerungen aus dem Stufenbau der Gemeinschaften.

II. Die politische Seite des Standes. Folgerung über die beste Staatsform.

Die Gliederung der Stände als eine (gedachte oder leibhaftige) Stufenfolge von Organisationen angesehen, bildet den Staat. Der Staat ist also die ideelle Einheit dieser Gliederung, auf Grund der ideellen Einheit der zugrundeliegenden Gemeinschaften, die Gesamtorganisation des Lebens. Die Stellung eines Standes in der Gesamtheit aller Organisationen macht die “politische Stellung des Standes” aus. Da ein auszeichnendes Merkmal von Veranstaltung oder Organisation stets die “Herrschaftsverhältnisse” innerhalb der Organisation oder zwischen den Organisationen sind, so kann man die politische Seite eines Standes (einer organisierten Gemeinschaftsgruppe) auch dahin erklären: daß er eine ganz bestimmte Herrschaftsstellung im Staate innehabe. So hatte der Fürstenstand, der Ritterstand, der Bürgerstand eine bestimmte Herrschaftsstellung und bestimmte Herrschaftsrechte im Staate.

29. The consequences of the hierarchical structure of communities.

II. The political side of the corporation. Conclusion regarding the best form of government.

The arrangement of corporations into a (conceptual or incarnate) sequence of levels of organization is what forms the state. The state is also the ideational unity of this arrangement, built upon the ideational unity of the underlying communities and the general organization of life. The position of a corporation in the ensemble of all organizations represents the “political position of the corporation.” Since a distinguishing feature of function or organization is always the “power relations” within the organization or between organizations, one may explain the political aspect of a corporation (an organized community-group) in the following way: that it inhabits an entirely distinct position of power within the state. Thus the nobility, the gentry, and the citizenry each have a distinct position of power and distinct sovereign rights in the state.

[50]

Wenn nun die Gemeinschaftsgruppen und damit die Stände rein geistig kraft ihrer inhaltlichen Bezogenheiten aufeinander (der Gegensätze und Verwandtschaften) sich ordnen und so zuletzt nach Werten sich unterscheiden, eine Wertpyramide bilden, so ist die Frage nach der besten politischen Gestaltung der Stände und d.h.: nach der besten Staatsform, schon grundsätzlich entschieden. Die Beste Staatsform ist diejenige, welche die Besten zur Herrschaft bringt.

Now if the community-groups, and with them the corporations, order themselves purely spiritually by virtue of their substantive relatedness to each other (the antagonisms and affinities), and so ultimately distinguish themselves according to value in order to form a value-pyramid, then the question of the best political configuration of the corporations (and thus the best form of government) is already fundamentally decided. The best form of government is the one which brings the best into command.

[51]

Der Satz, der uns schon von früher her (s. oben S. 110) bekannt ist: “Das Beste soll herrschen,” weil es das Schöpferische ist, erlangt nun angesichts der Gliederung der Gesellschaft in solche bestimmte Gemeinschaftsgruppen, die für das Handeln zusammengefaßt, d. h. “Stand” sind, erst seine leibhaftige Anwendung und Bedeutung. “Das Beste soll herrschen” heißt nun nicht nur ganz allgemein die wesenhaften Sachinteressen wie Wehrkraft, Religiosität usw. sollen herrschen, sondern ganz leibhaftig: Die Stände sollen nach Maßgabe des “Besten” herrschen, das sie (von der Ganzheit aus gesehen) in sich schließen. Die Schuster daher sollen im Bereiche der Schusterei, der Feldherr im Bereiche des Kriegswesens, der König im Bereiche der Ganzheit herrschen.

The principle, which we already know from earlier (see page 110 above), is “the best should rule,” because the creative power, attained through the segmentation of society into those designated community-groups which in their collective action may be considered “corporations,” is just its corporeal implementation and signification. “The best should rule” does not simply mean that the essential objective interests like military strength, religiosity, and so forth should reign in a general way, but rather that they should be entirely corporeal: the corporations should govern according to the “best” that they contain (from the perspective of the totality). The shoemaker should therefore rule in the domain of shoemaking, the general in the domain of warfare, and the king in the domain of the totality.

[52]

Nun entsteht die Frage: Wie es möglich, wie es durchführbar sei, daß das Beste herrsche? Das Wesen der Narren und Verbrecher, das Wesen unendlich vieler anderer widerstrebender Elemente ist, daß sie die eigentlich wertvollen Geistigkeiten und Ziele nicht verwirklichen, oder daß sie geradezu solchen Zielen nachlaufen, die lebenswidrig und sittlichkeitswidrig sind, z. B. unsere “Edelanarchisten” einem unklaren Optimismus, oder jener Teil unserer Kommunisten, die ehrliche Idealisten sind, einem unreifen, knabenhaften und abstrakten Gedankenbild. Alle diese und viele andere werden sich nicht jener Gültigkeit fügen, welche die herrschenden geistigen Gemeinschaften als die ihrige anerkennt. Die Einordnung widerstrebender oder ungleicher Bestandteile in die Ganzheit ist daher oberstes Organisationsproblem.

Now the question emerges: How is it possible, how is it feasible, that the best rule? The nature of the fool and the criminal, and the nature of endless other resisting elements, is that they do not reach the really valuable spiritualities and goals, or that they simply run after life-averse and morality-averse goals. For example, our “upper-class anarchists” pursue a vague optimism, and those of our communists who are sincerely idealistic pursue an immature, boyish and abstract mental image. All of these, and many others, will not submit to the authority which the reigning spiritual communities acknowledge as their own. The integration of conflicting or unequal elements in the totality is therefore the most significant problem of organization.

[53]

Hier gilt nun ein unendlich wichtiges Grundgesetz, das ich das Gesetz der Abstufung der Herrschaft oder Gesetz der Mittelbarkeit der Herrschaftsausübung nennen möchte. Das Gute kann nicht über alles herrschen, was gut und schlecht ist, sondern nur über dasjenige, was ihm im Guten eben noch nahe genug steht. Die formale Ausübung der Herrschaft ist auf Abstufung, auf Heruntersinken angewiesen und kann über das geistig-moralisch Fernerstehende nur mittelbar ausgeübt werden. Das Beste hat die stärksten Beziehungen zu dem (sittlichen) Ganzen, die stärkste magnetische Kraft in sich. Denn was heißt herrschen? Herrschaft heißt zuerst: geistige Gültigkeit. Dies findet dann organisatorisch seinen Ausdruck in: Machtausübung im Sinne geistiger Gültigkeit. Andere Machtausübung aber, ohne die Grundlage geistiger Gültigkeit, ist Mißbrauch der Machtausübung, ist Knechtung!

Here, an infinitely important fundamental law takes effect, which I wish to name the law of the gradation of authority or the law of the mediation of the exercise of power. The good cannot rule over everyone both good and bad, but only over he who stands sufficiently close to the good. The formal exercise of authority is transferred through gradation, through a sinking-down, and can only be exerted in a mediated way over those who are morally and spiritually distant. The best have the strongest relationships with the (moral) whole, and have within themselves the most powerful magnetic attraction. What does rule mean? Above all, rule means spiritual correctness. It finds its organizational expression in the exercise of power in the sense of spiritual correctness. An exercise of power that is not founded in spiritual correctness is the abuse of power, or subjugation!

[54]

Für das Herrschen im Sinne geistiger Gültigkeit nun (mit oder ohne daran schließende Machtausübung) gilt folgende Kette:

For rule in the sense of spiritual correctness (with or without a consequent exercise of power) the following chain of ideas now applies:

[55]

Das Beste soll herrschen über das Gute; das Gute soll (indem es die Herrschaft des Besten in seiner Weise weitergibt) herrschen über das weniger Gute; das weniger Gute soll (indem es die empfangene Herrschaft wieder in seiner Weise weitergibt) herrschen über das Beste unter dem Schlechten; das Beste unter dem Schlechten soll herrschen über das Schlechte usf. Das Schlechteste hat die geringste Tauglichkeit zum Aufbau des sittlichen Ganzen; insofern es diese überhaupt hat, ist es doch noch ein wenig gut. Dieses bischen Güte macht es zum Glied, dieses bischen empfängt die letzte Herrschaft. Es folgt: Die Herrschaft kann ihrer Natur nach nur stufenweise von oben nach abwärts gehen, und zwar unmittelbar hinab stets nur bis zum jeweils noch verwandten Kreis, niemals aber unmittelbar vom obersten zum untersten Kreise; vielmehr nur durch Vermittelung der Zwischenstufen. — Alle vorbildlichen, wohlgestalteten Herrschaftsgebilde (Organisationen) zeigen deutlich dieses Bild der Herrschaftsausübung. Wer in der alten Armee gedient hat, wieß genau, wie die Ausübung der Befehlsgewalt tatsächlich vor sich ging und wie dieser Weg zugleich sich immer als der beste, ja einzig mögliche herausstellte. Wenn der General sieht, daß die Soldaten etwas schlecht machen, geht er nicht hin und sagt es ihnen selbst (auch wenn dies technisch möglich wäre), sondern er lädt die Obersten vor und gibt diesen seine Befehle; auch diese sagen es nicht ihren Soldaten, sondern sie laden die Abteilungsführer vor und geben den Befehl in ihrer Weise weiter, diese geben ihn abermals weiter, und schließlich landet das Ganze beim Feldwebel oder Gefreiten, jedoch so, daß ein Teil der Befehle des Generals hängen blieb bei den Obersten, ein Teil bei den anderen Führern und Unterführern und die ausübenden Krieger vielleicht nur den kleinsten Teil davon erfahren: Jeder empfängt und erleidet jene Herrschaft, die seiner Sache und Stellung und Fähigkeit angemessen ist! In solcher Mittelbarkeit der Herrschaftsausübung durch die jeweils benachbarte Stufe hindurch liegt das Wesen wahrer Herrschaftsübung als einer geistigen, liegt das Geheimnis jeder großen, erfolgreichen Organisation. Außer dem Heer bildet ein Beispiel die römische Kirche, aber sogar jede politische Partei z. B. mit ihren Führern “hinter den Kulissen” kann das Heruntersichern der Herrschaft nicht entbehren.

The best should rule over the good; the good should (while passing down the rule of the best in their own manner) rule over the less good; the less good (while they again pass down, in their own manner, the received rule) should rule over the best among the bad; the best among the bad should rule over the bad, etc. The worst have the least aptitude for the building up of the moral whole; insofar as they have it at all, they are still a little good. By these traces of goodness they are made members of the whole, and receive the tail-end of the rule from above. It follows that rule, according to its own nature, can only proceed in gradual steps downward from above. Although it moves down directly to the next related circle, it never proceeds unmediated from the highest to the lowest circles, but only through stages of mediation. — All exemplary, well-shaped forms of rule (organizations) display distinctly this model of the exercise of power. Those who served in the old army know very well the method by which the exercise of authority actually took place, and how it always turned out to be the best method, and indeed the only one possible. If the general sees that the soldiers are doing something poorly, he does not go there and tell them himself (even if this would be technically possible) but he summons the colonels and gives them his commands; even they do not speak to their soldiers, but summon the division commanders and, in turn, give the command in their manner; these give it again in turn, and finally the whole thing lands with the sergeant or corporal, in a way, however, that a share of the command of the general is retained by the colonel, a share by the other leaders and sub-leaders and the practicing combatant perhaps receives only the smallest share of it: each receives and sustains the rule that is appropriate to their purpose and rank and capability! The essence of the true exercise of power as something spiritual, and the secret of any large and successful organization, lies in the mediation of the exercise of power throughout respectively adjacent levels. Apart from the army, the roman church provides such a model. Even every political party, with their “behind the scenes” leaders, cannot do without the stepwise downward expression of rule.

[56]

Es seien noch weitere Beispiele erlaubt: Faust erträgt das Gesicht des Geistes der Erde, den er zu sich gerufen, dennoch nicht so unvermittelt, wie es sich zeigt. Vermittelt erträgt jeder Mensch jeden Geist. — Der große Herrscher, der sich unter das Volk mischt (z. B. Kaiser Josef II., der verkleidet durch die Straßen geht, Harun al Raschid, der sich sogar als Bettler gibt), muß sich in einen niederen Beamten, in einen gewöhnlichen Bürger verwandeln, um die unmittelbare Fühlung mit den unteren Schichten zu erlangen. Ein Herrscher, der sich so selbst vermittelt, muß gleichsam der größte Schauspieler sein. Wenn er aber aus der Rolle fällt und sich den unteren Stufen unvermittelt zeigt, so schadet er mehr, als er nützt, er schlüge dann einen Ton an, der unverständlich, der überwältigend ist, der taub machen könnte, er zeigte dann einen Anblick, der blind machte.

Further examples are permitted: Faust tolerates the visage of the Earth Spirit, which he himself invokes, but the spirit is not so unmediated as it appears. Through mediation, any person may endure any spirit. — The great ruler who mingles among the people (for example, Emperor Joseph II going disguised through the streets, or Harun al-Rashid, who presented himself as a beggar), must metamorphose into a lower official, an ordinary citizen, in order to obtain unmediated contact with the lower strata. A ruler who thus mediates himself must be, as it were, a great actor. If he falls out of the role and shows himself unmediated to the lower strata, he thus damages more than he benefits; he would then strike a tone which is unintelligible and overpowering, and which could cause deafness; he would then have revealed a view that could cause blindness.

[57]

Eine weitere Grundeigenschaft der “Herrschaft des Besten” ist, daß sie in einem gewissen Abstand von der Spitze notwendig in einem immer wachsenden Maße autoritativ sein muß. Man kann soziologisch sagen: Je mehr eine Gesellschaft auf autoritativer Herrschaft aufgebaut ist, um so mittelbarer wird die Herrschaft ausgeübt. Ein Beispiel: Der religiös Schöpferische kann als schöpferisch erkannt und darum einsichtig begriffen und verehrt werden (d.h. nicht mehr als Autorität, sondern schon als Lehrer) nur von dem, der nicht allzu weit unter der verehrten Schöpferkraft steht. Der Forscher kann einsichtig als bedeutend und bahnbrechend (d.h. als Meister) nur verehrt und geachtet werden von dem, der seinen Gedankengängen selbständig folgen kann, von anderen nicht. Wie kann aber dennoch, sagen wir, um noch ein anderes Beispiel zu nehmen, Goethe oder Novalis für den Durchschnitts-Gebildeten oder für den Arbeiterbildungsverein Autorität werden? Dadurch, daß Goethe Meister (= begriffene Autorität) wird für andere große Dichter, wie die Romantiker, oder für große, schöpferische Kritiker, wie die Brüder Schlegel. Indem diese dann Meister (begriffene Autorität) werden für niedere echte Kunstverständige; diese Kunstverständigen wieder für solche, die weniger Vermögen, aber noch immer Eigenes für die Kunst übrig haben; diese wieder an noch weniger Begabte und Ausgebildete das Erhaltene weitergeben, pflanzt sich die Erkenntnis Goethes bis herab zu jenen fort, die nur noch einen Schimmer der Wahrheit erlangen können. Dieser Schimmer ist ihnen, indem er sich von der reichen Stufenleiter der höheren Vermittler herleitet auch mit dem nötigen äußeren Ansehen (Autorität) verstärkt, dieser Schimmer gibt ihnen durch seine autoritative Herkunft und Einkleidung unendlich mehr als er ihnen in seinem innerlich verständlichen Gehalte selbst darstellt: die unbedingte Verehrung vor einem großen Geiste, die Hingabe, ist eines der größten Geschenke, die der Mensch erhalten kann. Nur so kann der niedere Mensch an dem Höchsten in seiner Weise Anteil nehmen, nur so das Untere vollkommen an das Höhere geknüpft werden. Es gibt Geistesinhalte und Befehle, die in der Mitte der Gesellschaft stecken bleiben; dann bilden sich Risse. (Der heutige Gegensatz zwischen Gebildeten und Ungebildeten, zwischen Weisheit und Schulbildung!)

One further basic characteristic of the “rule of the best” is that it must, at a certain distance from the apex and in an always growing amount, be authoritative. One may say, sociologically: the more a society is structured on authoritative rule, the more mediated this rule will be in practice. An example: the religious creative can be recognized as creative and thus comprehended and revered as wise (no longer as an authority, but as a teacher) only by those who stand not too far beneath the revered creative power. The researcher can be recognized as eminent and pioneering (or in other words, as a master) and be revered and respected only by those who can follow the researcher’s train of thought, and not by anyone else. But how, to choose another example, can Goethe or Novalis nevertheless become an authority for the averagely educated or for those in the workers’ educational association? Because of the fact that Goethe becomes Master (or comprehended authority) for other great poets, like the Romantics, or for great creative critics, like the Schlegel brothers. And these then become Masters (comprehended authority) for the lesser genuine artistic sensibilities, and the latter again for those who have less capacity but still something to spare for art; these again pass down what they have received to still lesser talents and educated people; and thus the insight of Goethe reproduces itself until it reaches down to those who can only obtain a glimmer of the truth. This glimmer reaches them from the stepladder leading from the higher mediators, strengthened with a necessary external prestige (authority); through its authoritative descent and investiture this glimmer provides them with infinitely more than its plain inner content: unconditional reverence for and devotion to a great spirit is one of the greatest gifts that man can receive. Only thus can the lower man, in his own manner, take part with the highest; only thus can the inferior be tied completely to the superior. There are commands and spiritual contents that come to a standstill in the middle of society, at which point fissures form (such as the current antagonism between the educated and the uneducated, between wisdom and formal education).

[58]

Als die beste Staatsform ergibt sich daher, formell gesehen, eine solche, welche eine rangstufige (hierarchische) Gliederung der Gemeinschaften vorsieht, das heißt aber, wenn wir “ständisch” im weitesten Sinne des Wortes verstehen: die ständische Staatsorganisation. Herrschaft höherer geistiger Kräfte ist nicht unmittelbar möglich, sondern nur mittelbar, nur durch Weitergeben, durch “Rapport” der mittleren Rangstufen, die zwischen hoch und niedrig liegen. Das Geistige des Lebens kommt im ständischen Staate allein zu seinem vollen Recht. Der Ständestaat ist der vollkommenste politisch Ausdruck der universalistischen Gesellschaftsauffassung. — Es liegt in der Natur dieses Staates als eines rangstufigen, daß er am folgerichtigsten zuletzt eine einheitliche Spitze hat und für ihn wie für das Weltall der Homerische und von Aristoteles schon der Metaphysik eingefügte Grundsatz gilt: εις χοιρανος ετσω.

Thus, formally speaking, the best form of government is one which provides a ranked (hierarchical) arrangement of communities. By this we mean, if we understand “corporate” in the widest sense of the word: the corporate political entity. An unmediated rulership of the higher spiritual powers is not possible; it is only possible through mediation, through a passing down, and through the “rapport” of the middle ranks that lie between high and low. The spiritual aspect of life only reaches its full potential in the corporate state. The corporate state is the most complete political expression of universalistic conception of society. — It lies in the nature of this state, as something hierarchically ranked, that it most logically has a unitary apex, and that for it, as for the Homeric cosmos and the Metaphysics of Aristotle, the integral principle applies: “there should be one ruler.”

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