Der wahre Staat: Third part: synthesis

Dritter Aufbauender Teil

Third part: synthesis

“Gleichheit unter Gleichen”

“Unterordnung des geistig Niederen unter das geistig Höhere”

— Das sind die Baugesetze des wahren Staates.

“Equality among equals”

“Subordination of the spiritually lower to the spiritually higher”

— These are the structuring principles of the true state.

Streitsätze

Theses

[1]

Nachdem wir die individualistischen Grundsätze als zum Aufbau der Gesellschaft untauglich in allen bisherigen Untersuchungen verworfen, die universalistischen aber als Wahrheit erkannt haben, und indem wir nun zum aufbauenden Teile unserer Untersuchungen gelangen, entsteht die entscheidende Frage: Welche ist die der universalistischen Auffassung innerlich entsprechende Gesellschafts- und Staatsordnung?

Having rejecting individualistic principles for the construction of society as unsuitable according to all of our investigations up to now, and having recognized the truth of the universalistic, we now arrive at the constructive part of our investigations and face the crucial question: which societal and political order corresponds inwardly with the universalistic idea?

[2]

Wir beantworten diese Frage in folgenden Aufstellungen oder Streitsätzen (Thesen), deren Beweis und Ausführung den späteren Abschnitten obliegen wird. Dazu müssen wir nochmals in begrifflicher Untersuchung zur Begriffsbestimmung des Standes schreiten, um dann endlich zur Behandlung der handgreiflichen Gestaltungen und Maßnahmen zu gelangen. Der Deutlichkeit halber entwickeln wir die Grundzüge der universalistischen Staatsordnung im Gegensatze zur individualistischen, und wiederholen daher zuerst zusammenfassend die uns schon bekannten kennzeichnenden Grundzüge der naturrechtlichindividualistischen Ordnung. Die Grundzüge dieser individualistischen Ordnung sind folgende:

We will answer this question in the following statements or propositions (theses), with their evidence and explication to be presented in the later sections. For that to happen, we must proceed again in our conceptual analysis to the definition of the corporation, and then finally arrive at an understanding of the rough form and measure of the universalistic political order. For the sake of clarity we will develop the essentials of the universalistic political order in contrast to the individualistic, and thus first reiterate what we have already established by summarizing the characteristic features of the individualistic natural-law regime. The basic features of this individualistic order are the following:

[3]

1. Sie ist atomistisch; d. h. a) Jedes Mitglied des Staates und der Gesellschaft ist dem anderen gegenüber gleichartig und gleichwichtig (homogen und äquivollent — Grundsatz der Gleichheit); b) das eigentliche geistig wesentliche Leben jedes Einzelnen spielt sich als selbsterzeugtes in sich selbst ab, er ist im letzten Grunde geistig isoliert und autark.

1. It is atomistic; that is to say a) each member of the state and of the society is in relation to all others alike in nature and importance (homogenous and equivalent — the principle of equality); b) the real spiritual essential life of every individual functions as self-begotten in itself; he is, in the last analysis, spiritually isolated and independent.

[4]

2. Der Staatsaufbau ist daher notwendig zentralistisch und unmittelbar. Denn wegen der Gleichheit der einzelnen Bürger gibt es notwendig nur Eine Staatsgewalt, zu der jeder Bürger in einem unvermittelten (unmittelbaren) Verhältnis steht; der Grundsatz der Gleichheit verlangt, daß alle Bürger zu derselben Regierung in Beziehung treten, und dies verlangt wieder die Unmittelbarkeit der Beziehung. Wir haben diese Tatsachen durch den oft wiederholten Satz bezeichnet: “Ein Volk, Eine Regierung.”

2. The state structure is therefore necessarily centralistic and unmediated. Due to the principle of the equality of individual citizens there is necessarily only one state authority, which stands in an immediate and unceremonious relation to every citizen; the principle of equality demands that all citizens move in step with the government, and again this requires an immediacy of relationship. We have often heard this idea repeated in the phrase, “One people, one government.”

[5]

Im Gegensatze hierzu steht die universalistische Auffassung. Diese verlangt, wenn sie wirklich zu Ende gedacht wird, nicht den Kommunismus (den wir vielmehr als versteckten Atomismus und utopische Wirtschaftsform kennen lernten); sondern einen Gesellschaftsbau, der die Ungleichheit genau der Natur der Sache gemäß zur Entfaltung bringt und so geistig wie wirtschaftlich das Baugesetz der Gerechtigkeit zur Geltung bringt: “Jedem das Seine.” Diese aus der Natur der Sache geschöpfte Ungleichheit verwirklicht sich in folgenden Grundsätzen als in den Baugesetzen der Gesellschaft:

In opposition to this stands the universalistic point of view. This requires, if it is really thought through, not communism (which we are much more acquainted with as a concealed atomism and a utopian economic system), but a social structure that in its unfolding is fully in accordance with the inequality of the nature of things, and likewise brings into reality the structuring principle of spiritual and economic justice: “to each his own.” This inequality, created in accordance with the nature of things, is actualized in the following principles as in the structuring principles of society:

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1. Organische Ungleichheit statt atomistischer Gleichheit der Teile; d. h.: a) Ungleichartigkeit der Bestandteile der Gesellschaft, aber b) gleiche Wichtigkeit (Äquivalenz) für die Erreichung des Zieles. Es ist die Eigenschaft des Organismus, daß bei einer bestimmten Gesamtleistung (z. B. bestimmtem Gesundheitsgrad, bestimmtem Wohlbefinden) die Leistungen aller Teile zwar von ungleicher Beschaffenheit, aber gleich wichtig sind. Diese Gleichwichtigkeit ist aber nur möglich durch gegenseitige Abgestimmtheit, Entsprechung, abgestimmte Ungleichheit. (Organische oder bauliche Ungleichheit oder Grundsatz der Entsprechung des Ungleichen); c) die Gleichwichtigkeit bedeutet wieder leistungsmäßige Gleichheit.

1. Organic inequality rather than atomistic equality of parts; in other words, a) heterogeneity of the components of society, but b) equal importance (equivalence) for the attainment of ends. It is in the character of the organism that for it to maintain a specific total capacity (for example, a certain level of health or wellness), the performance of its individual parts will be of unequal character but equal importance. This organic equivalence is only possible through inter-coordinated and analogically harmonious inequality. (Organic or structural inequality or the principle of inter-coordinated inequality); c) organic equivalence again signifies equality in relation to the performance of the organism.

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2. Hierarchische oder rangordnungsmäßige Wertverschiedenheit, kürzer gesagt, wertmäßige Ungleichheit der Teile. (Der Heilige ist wertvoller als der Sünder: Grundsatz der wertmäßigen oder absoluten Ungleichheit.)

2. Hierarchical or rightly ordered differences in worth, or more briefly stated, the value-based inequality of parts. (The saint is more valuable than the sinner: principle of value-based or absolute inequality.

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3. Die Teile der Gesellschaft bestehen nicht in getrennten (alleinstehenden), einzelnen Menschen, sondern lediglich aus Gemeinschaften selbst, in denen erst die Einzelnen durch Eingliederung Existenz haben. Ferner: Die Grundeigenschaft dieser Gemeinschaften ist: Teile eines geistigen Gesamtganzen zu sein, und das heißt wieder: als Teil-Ganze ständische Eigenschaft zu erlangen. Damit ergibt sich a) das Baugesetz der ständischen Gliederung statt der zentralistischen Einheit; b) das Baugesetz der Mittelbarkeit statt der Unmittelbarkeit, und c) die Organisiertheit der Teile statt ihrer mechanistischen und atomistischen Isoliertheit.

3. The parts of society do not consist of separate, isolated individuals, but of communities in which the individual exists primarily through incorporation. Further: the basic feature of these communities is that they belong to a spiritual totality and must have corporative features to maintain the part/whole relationship. This results in a) the structuring principle of corporate organization as opposed to the centralistic unity; b) the structuring principle of mediation as opposed to immediacy, and c) an emphasis on the organization of parts rather than on their mechanistic and atomistic isolation.

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Erläuterung, Beweis und Ausführung wird später folgen. Hier möge noch ein allgemeiner Bescheid über den Unterschied von Organismus und Staat bei universalistischer Auffassung der Gesellschaft vorausgeschickt werden, um den Irrtum zu beseitigen, als sei die Anwendung des Organismusbegriffes auf die Gesellschaft ernsthaft möglich, da so viele universalistisch gerichtete Bestrebungen sich schlechthin als “organische Auffassung” zu bezeichnen pflegen.

Explanation, evidence and explication will follow later. Here we may put forward a more general statement about the distinction between organism and state in the case of the universalistic concept of society, in order to eliminate the error of thinking that the direct application of the organism-concept to society is seriously possible, given that many efforts aiming at universalism label themselves unambiguously as the “organic view.”

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Erläuternder Zusatz über den Unterschied zwischen Organismus und Gesellschaft. Es genügt nicht, der atomistischen Auffassung eine “organische” gegenüberzustellen, um die Mechanität des Individualismus zu überwinden, denn der Organismus selbst ist wieder nur eine Mittelstufe zwischen Mechanismus und Gesellschaft (Staat). Die Gesellschaft ist eine noch übermechanischere Erscheinung als der Organismus — weil sie geistiger ist als er!

Explanatory supplement about the difference between the organism and society. To overcome the mechanicalness of individualism it does not suffice to place an “organic” view of society in opposition to the atomistic view, since the organism itself represents only an intermediate stage between mechanism and society (or state). Society is an even more mechanical phenomenon than the organism — because it is more spiritual!

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